Nimm alles auf den Pfad!

Ohne Input, kein Output... Also beginnt auch dieser Artikel wieder mit einer Erörterung des Inputs, um dann fließend zum Output überzugehen.

Eben habe ich den Film LOCKE angesehen. Ivan Locke, der Hauptcharakter, führt den ganzen Film hindurch Telefonate in seinem Auto – auf dem Weg zur Geburt seines außerehelichen Kindes. Der Film zeigt, wie einschneidende Momente das ganze Leben auf den Kopf stellen können, wie man damit umgehen und – trotz Komplikationen – auf Kurs bleiben kann. Der Film ist ein interessanter Einblick in die Psyche eines Mannes, seiner Familie und seiner Arbeitskollegen.

Aber genug über den Film geredet – ich bin ja kein Filmkritiker. Aber wieso schreibe ich das dann? Nun... weil ich schon wieder einen Film geschaut habe. Und es war auch kein dezidiert „spiritueller“ Film. Habe ich nun gegen meine eigene Aussage von der Reduktion des Entertainments verstoßen?

Vielleicht...

Vielleicht aber auch nicht.

Achte auf Deinen Geist (aber...)

Wie schon geschrieben, achte ich auf den Zustand meines Geistes. Deshalb reduziere ich die Menge an Entertainment und anderer Informationen, die ich mir „reinziehe“ – vor allem möchte ich möglichst wenig Aufregendes oder Negatives zu mir nehmen. Ich schaue eher „spirituelle“ Filme an und lese fast nur Sachbücher. Ich höre viele Arten von Musik, weil ich Musiker bin. Ein kleiner Problempunkt ist für mich, dass viele Lieder nicht sonderlich inspirierende Texte haben – selbst wenn die Musik für sich genommen sehr gut ist. Ich würde mir wünschen, dass Musik und Texte darauf abzielen, mich innerlich zu erheben und nicht nur ein kurzweiliges „happy feeling“ auszulösen, mich in Melancholie schwelgen zu lassen oder überhaupt destruktiv zu sein. In meiner Musik versuche ich mich genau daran zu halten – aber vielleicht ist das auch ein unnötig „hoher“ Anspruch...

Urteile nicht!

Nachdem ich Locke angesehen habe, ist mir mal wieder bewusst geworden, dass ich nicht zu elitär denken darf. Ultimativ gibt es nicht mehr oder weniger spirituelle Musik, Filme und Bücher. Auch wenn manche Menschen bewusster mit ihrem Geist arbeiten – was ich als dringend notwendig erachte – darf man nicht zu streng über andere Menschen und deren Ausdrucksweise urteilen. Auch wenn der Ausdruck der verschiedenen Menschen nicht 100% rein und erleuchtet ist – und wie könnte das überhaupt sein? – kann man trotzdem alles, was man erlebt und wahrnimmt, für sich selber zu spirituellem Input machen...

Alles ist perfekt.

Ultimativ ist alles perfekt, so wie es ist – alles ist die Manifestation der Geistesnatur. Das zu erkennen, ist das Ziel jedes spirituellen Pfads. So wird es in der „höchsten“1 Lehre des tibetanischen Buddhismus (im Dzogchen), wie auch in den mystischen Zweigen aller anderen Traditionen gesagt.

Wenn also alles eigentlich jeder Moment gut ist, so wie er ist, dann geht es in der spirituellen Praxis im Endeffekt nicht darum, vor der Welt zu flüchten, sondern darum die Buddha-Natur in allem und jedem zu erkennen. Wir müssen also die Fähigkeit entwickeln, diese Einsicht in unserem Alltag aufrecht zu erhalten. Moderne nicht-dualistische Lehrer (wie zum Beispiel Eckart Tolle) gehen darauf ähnlich ein, wie die Lehren der alten Traditionen. Der einzige Unterschied, den ich sehe, ist, dass regelmäßige Praxis (wie Meditation, Kontemplation und andere Übungen) von den modernen Lehrern oftmals belächelt oder runtergespielt wird. In den alten Traditionen, wie dem tibetischen Buddhismus, hingegen sind alle Schritte des spirituellen Pfades abgedeckt – von der ersten Meditationsübung bis hin zur „Nicht-Meditation“ des Dzogchen. Ich glaub,e wir sollten uns selbst gegenüber ehrlich sein und erkennen, ob Bücher-Lesen und Video-Schauen ausreichen, um unseren Geist zu transformieren.

Was auch immer die Praxis ist, für die wir uns entschieden haben – wenn wir vom „Trockentraining“ auf dem Kissen zurück in den Alltag kommen, beginnt eigentlich erst die wirkliche Arbeit...

Alles zur geistigen Transformation nützen

Buddha hat bereits gesagt:

„Take everything onto the path towards enlightenment."

Das könnte man etwas als „Nimm alles auf den Pfad zur Erleuchtung." bzw. „Nütze alles für Deine Erleuchtung.“ übersetzen. Es geht dabei darum, dass wir alles, was uns widerfährt, als Lehre sehen und als Gelegenheit für tiefere Einsicht und Praxis nützen sollten. Also sollten wir nichts als „nicht spirituell“ verurteilen. Denn, wenn wir alles für unsere Praxis nutzen, wie kann dann etwas nicht spirituell sein?

Also versuche ich, nicht zu urteilen und – soweit ich kann – alle Situationen positiv zu betrachten. Positiv, weil ich daraus lernen kann, nicht weil alles per se gut ist – auch wenn es das natürlich ultimativ der Fall ist. (Wenn wir jedoch alles ultimativ sehen wollen, wird es schwierig mit der Sprache.)

Wir sind verantwortlich für unser eigenes Glück!

Kümmern wir uns also primär um unseren eigenen Geist, denn wir sind selber für unser inneres Glück verantwortlich. Wir sollten äußeren Umständen nicht die Schuld an unserem Befinden in die Schuhe schieben. Denn wenn man seinen Geist genau beobachtet, kann man erkennen, dass äußere Erscheinungen nicht direkt mit dem inneren Erlebnis verbunden sind. Erst unsere Interpretation – und die daraus resultierende Zuneigung oder Ablehnung – führt zu unserem glücklichen oder unglücklichen Geisteszustand. Wenn man bei Sonnenschein mit einem Cocktail in der Hand am Strand sitzt, dann ist es ja noch einfach sich gut zu fühlen. Aber wie ist es, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir uns das wünschen? Wünscht Du Dir nicht innere Unabhängigkeit – also die Fähigkeit, auch glücklich zu sein, wenn es nicht so gut läuft? Ich jedenfalls schon.

Genau deshalb, wird gesagt, dass man alle Erlebnisse auf den Pfad nehmen soll – also als Gelegenheit wahrnehmen soll, um an seinem Geist zu arbeiten. Das heisst nicht, sofort zu urteilen und alles daran zu setzen, den Moment, so wie er jetzt ist zu ändern, sondern zunächst einmal Abstand zu gewinnen und zu sehen, wie man auf die äußeren Eindrücke reagiert. Mit etwas Abstand und innerer Ruhe, kann man vielleicht sogar über seine eigenen übertriebenen Reaktionen in gewissen Momenten lachen – und mit der Zeit können dann auch Abneigung gegenüber oder Verlangen nach gewissen Erlebnissen nachlassen.

Natürlich kann man sich das Leben bis zu einem gewissen Maße so einrichten, wie man es gerne hätte. So wie ich mir eben Zeit für meine Praxis nehmen und auch auf meinen geistigen Input achten möchte. Aber lass uns cool bleiben, wenn es mal nicht ganz so läuft, wie wir es gerne hätten. Überlassen wir die Kontrolle über unser Glück nicht den wechselhaften Erscheinungen der Welt – mit allem Auf und Ab –, sondern nehmen wir es in unsere eigenen Hände!

So wie Ivan Locke, der sich entschieden hat, das Richtige zu tun, selbst wenn dadurch seine Karriere und Familienleben zerbröckeln...

Sean.


  1. Etwas als „Höchstes“ zu bezeichnen ist natürlich mit Vorsicht zu genießen! Im Buddhismus wird immer wieder daran erinnert, dass die sogenannten vorbereitenden Praktiken und die niedrigen Fahrzeuge nicht vernachlässigt werden dürfen. Auch wenn man Dzogchen-Schüler ist, wird man immer noch Übungen der niederen Lehren praktizieren. Das „Höchste“ bedeutet in diesem Fall also, dass man diese Lehren – mitsamt deren Aussagen und Übungen – nicht unvorbereitet genießen sollte – um sie nicht falsch zu verstehen. Es bedeutet nicht, dass dieser Teil besser ist, als der Rest der Lehre – genauso wenig wie das Dachgeschoß besser ist, als der Keller... ohne Keller, kein Dachgeschoß. Ist doch logisch. 

Veröffentlicht am: 28.12.2014