Geistesnahrung

Mein Freund He Shao Hui (iMeditateVienna) hat auf meine Newslettereinladung geantwortet, dass er eigentlich versucht, seinen „Zufluss an Informationen reduziert zu halten”, er sich aber für meinen Newsletter öffnet.

Mich freut's natürlich, dass er da eine Ausnahme macht – aber prinzipiell hat er schon Recht. Um einen zufriedenen und offenen Geisteszustand zu kultivieren, ist es sehr wichtig, darauf zu achten, was man zu sich nimmt. Es heisst: Du bist, was Du isst. Das gilt für den Geist ebenso, wie für den Körper. Also sollten wir darauf achten, welche Geistesnahrung wir zu uns nehmen... und vielleicht auch hin und wieder fasten.

Gegen den Strom schwimmen

Auch wenn jeder Mensch im Grunde mit allen Handlungen nach Glück strebt, ist es in unserer Gesellschaft nicht sehr stark verbreitet, dies bewusst zu praktizieren, konzentriert an sich selbst zu arbeiten und Verantwortung für seinen Geisteszustand zu übernehmen. Mit dieser Denkweise, schwimmen wir nach wie vor gegen den Strom an. Im letzten Jahrhundert ist zwar schon sehr viel von den östlichen, spirituellen Traditionen in den Westen gewandert – Yoga und Meditation beispielsweise sind schon lange nichts esoterisches mehr – aber trotzdem steckt der Großteil unseres gesellschaftlichen Denkens und Handelns in alten Mustern fest.

Wenn ich durch die Stadt gehe, oder im Internet surfe, wird in mir der Eindruck verstärkt, dass ich mit dem, was ich jetzt habe oder bin, doch nicht glücklich sein kann. Um glücklich zu sein, muss man mehr tun und mehr kaufen; man braucht mehr Freunde und definitiv mehr Erfolg. Mehr, mehr, mehr – um irgendwann in der Zukunft endlich vollkommen man selbst sein zu können. Doch dieses Denken macht nicht glücklich, sondern zieht unsere Aufmerksamkeit weg vom Wesentlichen, und zieht uns hinein in die Unruhe der Entertainment-Welt.

Heilvolle Gedanken kultivieren

Um dem entgegenzuwirken, müssen wir uns dafür entscheiden, heilvolle Gedanken zu kultivieren. Wir müssen uns für nachhaltige Glückseligkeit für uns selbst und alle Menschen entscheiden und klare Einsicht kultivieren, um zu erkennen, was auf Dauer zu unserem Glück beiträgt und was uns in die Negativität und Unruhe zurück zieht. Und wir müssen darauf achten, welche Geistesnahrung wir zu uns nehmen.

Informationszufuhr reduzieren

Für mich heisst das zum Beispiel, dass ich nicht fernsehe, keine Zeitung lese und keine News im Internet lese. Ich schaue selten Filme, habe aufgehört Romane zu lesen und achte auch darauf, welche Art von Musik ich mir anhöre.

Ich lebe nicht in vollkommener Abgeschiedenheit auf dem Berg, also kann und will ich mich nicht komplett von der Information der Welt abschotten, aber ich versuche meinen Geist zu schonen und umzupolen. Das heisst für mich, dass ich, wenn ich schon etwas lese, anschaue oder anhöre, darauf achte, ob dieser Input meiner spirituellen Praxis zuträglich ist.

Wenn Dir das zu asketisch klingt – kein Stress! Du musst ja nicht gleich auf abrupten Entzug gehen und von einem Tag auf den nächsten sämtliche Informationsschotte schließen – das mag für manche Menschen der richtige Weg sein, für mich jedoch funktioniert der graduelle Weg besser: etwas weglassen, sich daran gewöhnen und sobald das zum Normalzustand geworden ist, wieder etwas weglassen – so kann man langsam Abstand zum Informationswahn gewinnen.

Warum sind wir eigentlich Entertainmentjunkies?

Wir sollten hinterfragen, warum wir denn überhaupt das Bedürfnis haben, unseren Geist stetig mit neuen Eindrücken zu überladen. Wieso reden wir dauernd so viel? Wieso müssen wir in Arbeitspausen schnell auf Facebook schauen und wieso beschallen wir uns mit Musik, selbst dann, wenn wir eigentlich gar nicht konzentriert zuhören können?

In uns herrscht eine latente Unruhe, die uns immerzu antreibt, etwas unternehmen oder etwas zu uns nehmen zu müssen. Selbst wenn wir meinen, ganz zufrieden zu sein, wagen wir uns nicht in die Stille, weil wir dann erst die Unruhe in uns wahrnehmen. Sie drückt sich unter anderem in turbulenten Gedanken, Emotionen, Nervösität und genereller, undefinierbarer Unzufriedenheit aus. Meditation ist das beste Werkzeug, um diesen Teil unseres Geistes kennenzulernen und an der Wurzel des Übels zu arbeiten.

Wenn wir alle Sinneseindrücke reduzieren und eine Zeit lang in Ruhe verharren, kann es jedoch leicht sein, dass wir mit Gedanken konfrontiert werden, die wir lieber verdrängen würden – wie den Gedanken an den Tod zum Beispiel. Ich realisiere oft Abends oder in der Nacht, dass ich sterben werde. Das ist kein sonderlich nettes Gefühl, aber wenn ich verharre und nicht davor weglaufe, kann mich die Auseinandersetzung mit meiner Sterblichkeit stärken und bekräftigt in mir den Beschluss, auf der spirituellen Suche zu bleiben.

Wie Milarepa1 sagte:

„In Angst vor dem Tod, flüchtete ich in die Berge. Ich meditierte immer wieder über die Ungewissheit der Stunde meines Todes und eroberte die Festung der unsterblichen, unendlichen Natur des Geistes. Jetzt ist alle Angst vor dem Tod aus und vorbei.“ 2

Viele Gründe, eine Quelle

Natürlich gibt es noch andere Gründe für unsere Informations- und Entertainmentsucht. Zum Beispiel das Gefühl, dass man etwas Wichtiges verpassen und nicht mitreden kann, wenn man nicht informiert ist; oder die Lebendigkeit, die man verspührt, wenn man einen aufregenden Film sieht... Was auch immer der scheinbare Grund sein mag – mir scheint die Quelle des Übels ist, dass wir unsere innere Natur nicht kennen und nicht dauerhaft in Kontakt mit ihr sind. Die dadurch entstehende Unsicherheit und Unzufriedenheit versuchen wir dann durch Aktivität im Aussen zu lösen.

Aber akzeptiere meine Worte nicht einfach so, sondern finde heraus, ob es für Dich auch so ist. Einer der Gründe, warum mich der Buddhismus so anspricht ist, dass er eine Art „wissenschaftliche“ Herangehensweise hat. Wir nehmen die Lehren also nicht einfach so hin, sondern versuchen sie selbst zu verifizieren und als lebendige Wahrheit innerlich zu erleben.

Also mach doch einmal einen auf Sherlock Holmes und finde heraus, warum Du die Ruhe meidest und stetig Information konsumierst. Und wenn Du das Unmögliche ausgeschlossen hast, muss das was übrig bleibt – wie unangenehm es auch sein mag – die Wahrheit sein. 3

Hmm... Das hat mich auf eine gute Idee gebracht. Vielleicht schau ich mir nochmal eine von diesen neuen Sherlock Holmes Folgen von BBC an... die sind wirklich gut. Und natürlich seeeeehr spirituell...

Ich wünsche Dir Sherlock Holmes-mäßige Einsicht für Deine innere Detektivarbeit!

Sean


  1. Jetsün Milarepa (* 1040; † 1123), war ein tantrischer Meister und Begründer der Kagyü-Schulen des tibetischen Buddhismus. Er hat in seinem frühen Leben schwarze Magie betrieben und damit viel Unheil angerichtet und auch einige Menschen getötet hat. Aber seine Zuwendung zu den Lehren des Buddhas war so komplett und seine Determination so groß, dass er es geschafft hat in einem Leben seine negativen Handlungen „aufzuarbeiten“ und Erleuchtung zu erlangen. (Wikipedia Artikel) 

  2. Von mir ins Deutsche übersetzt, basierend auf folgender englischen Version: „In horror of death, I took to the mountains - again and again I meditated on the uncertainty of the hour of death, capturing the fortress of the deathless unending nature of mind. Now all fear of death is over and done.“ 

  3.  Okay – ich gebe es zu. Das ist ein wenig abgewandelt. Statt „unangenehm“, müsste es eigentlich „unwahrscheinlich“ heissen. Hier übrigens das ganze Originalzitat*: „You will not apply my precept,“ he said, shaking his head. „How often have I said to you that when you have eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth? We know that he did not come through the door, the window, or the chimney. We also know that he could not have been concealed in the room, as there is no concealment possible. When, then, did he come?“ The Sign of the Four, ch. 6 (1890) – Sherlock Holmes in The Sign of the Four (Doubleday p. 111). (Meine Quelle: Sherlock Holmes Quotes: The Ten Most Famous Quotations 

Veröffentlicht am: 14.12.2014