Jetzt mal ehrlich!

Wie sehr wir sie lieben – die Celebrities mit ihren schönen Gesichtern, ihrem glücklichen und erfolgreichen Leben. In den Magazinen, im Kino und im Fernsehen leben sie uns die heile und perfekte Welt vor. Auch so schön und erfolgreich sein, von allen geliebt werden und genügend Geld für eine Villa am Meer – oder eine 10 Millionen Dollar Hochzeit in Venedig. Ja – das wäre es!

Aber dann passiert's ganz plötzlich: Das schöne Bild wird bröckelig. Wie zum Beispiel, als Robin Williams sich das Leben genommen hat. Wie konnte das denn geschehen? Jemand, der so viele Menschen zum Lachen gebracht hat, ist selbst so verzweifelt, dass Suizid der scheinbar einzige Ausweg ist? Und natürlich ist er nicht der Einzige... hinter der Fassade sieht's bei unseren geliebten Celebrities oft nicht so rosig aus, wie sie, die Medien und wir uns das gerne vormachen würden. Und bei uns „ganz normalen Menschen“ ist's natürlich auch so. Wir machen uns und anderen oft auch was vor. Wir spielen das heile Leben.

Seien wir jetzt mal ehrlich!

Ein wenig mehr Ehrlichkeit würde uns bestimmt nicht schaden. Das soll natürlich nicht heissen, dass wir dauernd mit langen Gesichtern herum laufen und darüber klagen sollen, wie schlecht es uns geht. Aber wenn wir uns selber und anderen gegenüber ein wenig ehrlicher wären, dann würden wir uns alle nicht so alleine mit unseren Problemen und Schwierigkeiten fühlen.

Die Kinder zum Beispiel...

Wir erleben das sehr stark in unserer Rolle als Eltern. Von irgendwo her, hat man das Bild, wie ein „normales“ Kind sich verhalten und wie das Leben in einer Familie optimalerweise ablaufen soll. Und wenn die Realität nicht mit dem Bild übereinstimmt, dann macht man sich Sorgen und denkt, man macht was falsch. Was ist mit dem Kind los – hat es Verhaltensstörungen? Ist es hyperaktiv? ... Wenn es zu aggressiv ist, am besten gleich beruhigende Medikamente geben – so wie das mittlerweile in Amerika immer öfter praktiziert wird.

What a bullshit!

Es hat für mich einige Zeit gedauert zu erkennen, dass es anderen Eltern mit ihren Kindern sehr ähnlich geht wie uns. Nirgends läuft's so smooth, wie es auf der Oberfläche wirken mag. Was für eine Erleichterung, wenn man das bemerkt! Dann fällt der Stress weg, alles perfekt machen und alles unter Kontrolle bringen zu müssen.

Die innere Stärke, seine Schwächen zeigen zu können...

Am wichtigsten ist natürlich die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Man braucht innere Stärke um sich seine Schwächen eingestehen, und sie anderen auch zeigen zu können. Einsicht ist bekanntlich der erste Schritt zur Heilung. Wenn wir also heil werden wollen, müssen wir aufhören uns vorzumachen, dass wir es schon sind!

Ich zum Beispiel dachte immer, ich sei ein entspannter, pazifistischer und super-spiritueller Typ. Die meiste Zeit mag das ja auch ungefähr so sein, aber seit ich Papa geworden bin, weiss ich, dass es eben nicht immer so ist. Meine Jungs sind, wie die meisten Kinder, Experten im Knöpfe drücken. Dadurch habe ich mittlerweile erkannt und akzeptiert, dass ich auch aggressiv sein kann. Und ich lerne immer besser damit umzugehen. Das heisst nicht, dass ich besonders oft wütend bin – an meiner grundlegenden Art hat sich ja nichts verändert. Es gibt nur mittlerweile öfters Vorfälle, die mich ausreichend anstacheln und mich, wenn nicht ausreichend innerliche Ruhe habe um Distanz wahren zu können, in Rage bringen. Da kommt es auch schon mal vor, dass ich meine Kinder anschreie. Meist ist es wirklich nicht begründet, aber logisch sind diese impulsiven Reaktionen ja nie. Ich bin nicht gerne wütend, aber es zu verdrängen oder es zu sugar-coaten bringt nichts.

Wir müssen lernen, in allen Situationen innerlich losgelöst zu bleiben – nicht nur in einem von uns selbst geschaffenen optimalem Umfeld. Es gibt dazu einen Spruch von Buddha:

„Wenn Du glaubst erleuchtet zu sein, verbringe ein Wochenende bei Deinen Eltern.“

... oder bekomme Kinder. ;)

Und nun ein wenig Theorie...

Schmerzkörper / Dripa & Digpa

Eckart Tolle nennt es unseren Schmerzkörper. Es ist ein Teil in uns, der durch äußere Einflüsse (oft durch andere Schmerzkörper) getriggert wird und dann die Kontrolle übernimmt. Wir verhalten uns dann oft ganz und gar nicht so, wie wir das eigentlich gerne würden. Der Schmerzkörper heisst so, weil er aus Schmerzen besteht und sich von ihnen ernährt. Das ist auch der Grund, warum er immer wieder dafür sorgt, uns in unheilvolle Taten zu verwickeln und so ungern loslässt, wenn er mal in Fahrt gekommen ist.

Schmerzkörper können aggressiv oder depressiv sein. Die Explosion eines aggressiven Schmerzkörpers ist besonders schwer zu unterbinden, da wir in dem Moment keine Kontrolle haben und es in der nächsten Sekunde oft schon zu spät ist. Aber die Explosion ist nicht nur schlecht – der Vorteil dabei ist, dass man ganz klar sieht, dass hier der Schmerzkörper in Action ist und sich also schwer was vormachen kann. Depression hingegen schleicht sich langsam an und man merkt oft erst ganz spät, dass man von seinem Schmerzkörper übermannt wurde.

Im tibetanischen Buddhismus ist die Rede von Dripa und Digpa. Dripa sind Verdunklungen, die es uns unmöglich machen, die Realität so zu sehen, wie sie ist. Digpa sind böse, impulsive Handlungen, die aus beunruhigenden Gedanken entstehen. Dripa und Digpa sind das Resultat von negativem Karma – von schlechten, vergangenen Handlungen.

Zwei unterschiedliche Beschreibungen, aber in der Essenz geht's um ein und dasselbe.

Und wofür die ganze Theorie?

Weil es wichtig ist, zu verstehen, dass die negativen Handlungen nicht wirklich „wir“ sind. Sie haben nichts mit unserer innersten Natur zu tun. Wir können (und müssen) Abstand gewinnen, und unsere Verblendungen und negativen Handlungen klar betrachten. Das heisst nicht, dass wir die Schuld ganz von uns schieben sollen, denn dieser „böse“ Aspekt in uns ist, zumindest teilweise, durch unsere eigenen vergangenen negativen Handlungen entstanden. Teilweise leben wir auch den Schmerzkörper (oder das negative Karma) unsere Gesellschaft und der ganzen Menschheit aus.

Was der Ursprung auch genau ist, Tatsache ist, dass wir jetzt mit dieser unheilvollen Energie in uns konfrontiert sind. Wir müssen lernen, damit umzugehen. Auch hier wieder: Als erstes müssen wir erkennen, dass es passiert, erst dann können wir damit arbeiten.


Seien es nun Aggression, Depression, Melancholie, Ängste oder andere Arten, wie sich unsere inneren Missstände ausdrücken: Verbergen wir sie nicht länger! Öffnen wir die Kellertüre und lassen wir unsere Dämonen heraufkommen. Wir müssen lernen sie zu akzeptieren und lernen mit ihnen umzugehen. Wir müssen innere Ruhe kultivieren und mit dem Aspekt unseres Geistes in Kontakt treten, der jenseits aller Erscheinungen ist. Nur so werden wir irgendwann in der Lage sein, unsere Dämonen mit Humor zu betrachten und ihnen keine neue Energie zu geben.

Und dann erkennen wir vielleicht, dass sie eigentlich nur das sind – unterdrückte, fehlgeleitete Energie, die mit geschickten Mitteln richtig gelenkt und genützt werden kann. Denn eigentlich gibt es das Böse gar nicht – so wie es auch die Dunkelheit nicht gibt. Es gibt nur eine Abwesenheit von Licht. Schalten wir also unsere Geistesnatur-Taschenlampen an und sehen wir, dass dort, wo wir unsere Dämonen vermutet hatten, nichts zu finden ist...

Ich wünsche Dir (und mir) eine Taschenlampe mit super-starken, der-rosa-Hase-läuft-Äonen-im-Kreis lang haltenden Akkus aus purem Rigpa.

Sean

Veröffentlicht am: 30.11.2014