Meditation - Gedanken und andere Ablenkungen

In Teil 4 meiner bescheidenen Abhandlungen über Meditation, möchte ich mich nun den Gedanken und anderen Ablenkungen, mit denen wir in der Meditation geschickt umgehen müssen, befassen...

Frei von Gedanken?

Auf ersten Blick denkt man vielleicht (so wie ich als Kind), dass man in der Meditation komplett frei von Gedanken sein soll. Dadurch entsteht die falsche Idee, man müsse seine Gedanken unterdrücken. Dafür gibt es einige Methoden – Alkohol, Psychopharmaka oder Entertainment zum Beispiel –, dass diese nichts mit Meditation zu tun haben, sollte jedoch klar sein. Trotzdem ist die Reduktion der Gedanken eines der Zeichen für den Fortschritt in der Meditation. Eckart Tolle zum Beispiel, der laut eigener Angabe selber nie meditiert hat, sagt, dass seine einzige spirituelle „Leistung“ darin besteht, dass er seit seiner Erleuchtung ca. 90% weniger Gedanken hat.

Gedanken loslassen – Gedankenketten durchschneiden

Anstatt zu versuchen, Deine Gedanken zu unterdrücken, lass sie in der Meditation los! Distanziere Dich von ihnen, beobachte sie und versuche, ihnen nicht nachzugehen und ihnen keine neue Kraft zu geben!

Ein Gedanke kommt selten alleine. Wenn Du in der Meditation einen Gedanken siehst, ist das noch kein Problem – versuche dann keinen nachfolgenden Gedanken entstehen zu lassen. Wenn Du dem ersten Gedanken keine Energie schenkst, wird daraus keine Gedankenkette. Und wenn Du Deinen Geist dabei ertappst, wie er eine Gedankenkette spinnt, dann schneide sie durch, indem du den Abstand zwischen zwei Gedanken bewusst wahrnimmst. Damit bewegst Du Deinen Fokus weg von den Gedanken, hin zu Deiner weit offenen Geistesnatur. Fühle Dich offen und weit. Erkenne, dass Du auch ohne Gedanken gut leben kannst.

Und wenn Du nach einer Ruhepause wieder von Gedanken heimgeholt wirst, dann sei nicht enttäuscht oder wütend – sei mit Dir liebevoll und streng zugleich. Lass die Gedanken wieder los und kehre mit deiner Aufmerksamkeit zu dem Objekt Deiner Meditation zurück. Immer und immer wieder. Das Zurückkehren selber ist ein wesentlicher Aspekt der Meditation. Es ist so, als würdest Du einen Muskel trainieren – Deinen Aufmerksamkeitsmuskel.

Hilfe! Ich meditiere, aber meine Gedanken werden immer wilder...

Es ist ganz üblich, dass man, wenn man mit dem Meditieren anfängt, zunächst das Gefühl hat, dass seine Gedanken immer wilder, nicht ruhiger, werden. Das wirkt aber nur so. Tatsächlich wirst Du selber aufmerksamer und innerlich ruhiger und vernimmst dadurch erstmals den unruhigen Strom Deiner Gedanken. Dieser wilde Strom war immer da, nur unterbewusst.

Jetzt, da Du den Gedankenstrom siehst, hast du erstmals die Möglichkeit, damit zu arbeiten. Davor haben Deine Gedanken Dich geheim vom Dunkel aus beeinflusst.

Andere Ablenkungen

Genau wie mit den Gedanken, kannst Du auch mit allen anderen Quellen der Ablenkung umgehen. Mit Deinen Emotionen, körperlichen Gefühlen, irritierenden Geräuschen und so weiter. Nimm die Ablenkung wahr, verdränge sie nicht. Nimm auch wahr, dass das eigentliche Problem nicht das ablenkende Objekt ist, sondern Deine Reaktion darauf. Ein Jucken zum Beispiel ist, an und für sich, der Meditation nicht abträglich. Zu einem Problem wird es erst, wenn Du es verneinst – wenn Du Dir wünschst, es wäre nicht da. Damit wehrst Du Dich gegen den jetzigen Moment, dagegen, wie die Realität jetzt tatsächlich ist. In dieser Auseinandersetzung kann nur einer verlieren… also besser gar nicht erst damit beginnen.

Lass alles so wie es ist, ob gut oder schlecht. Nimm es aufmerksam wahr, beurteile es aber nicht. Das ist Meditation.

Ablenkungen sind nicht der Feind

Wir wünschen uns oft, dass alles für unsere Meditation perfekt sein soll: Der Raum wundervoll, keine Geräusche im Hintergrund, ausreichend Zeit – und am liebsten wäre es uns, wenn unsere Gedanken schon von Haus aus ruhig wären. Es stellt sich aber die Frage, wie hilfreich die Praxis der Meditation dann überhaupt wäre. Es kommt nicht von ungefähr, dass viele Menschen erst zur spirituellen Praxis finden, wenn sie gröbere Probleme in ihrem Leben haben, die sie mit normalen Methoden der Geistesbeschwichtigung nicht in den Griff bekommen.

Der Buddha zum Beispiel hat in einer Region von Indien gelebt, in der es zur Sommerzeit extrem viele große und aggressive Moskitos gibt. Keiner von uns würde sich dort freiwillig in die Natur setzen und tagelang meditieren. Wir würden denken, dass Meditation in so einem Setting einfach nicht möglich ist. Aber das ist es ja: Das Setting ist nicht das Problem. Unser Kopf ist das Problem. Der Buddha hat Erleuchtung erlangt. Nicht trotz der Moskitos, sondern vielleicht sogar teilweise wegen der Moskitos.

Also sehen wir, dass Ablenkungen gar nicht schlecht sind. Jede Ablenkung, auf die wir nicht reagieren, hilft uns tiefer in den Zustand der Meditation einzudringen. Die innerlichen wie äußerlichen Widrigkeiten zu akzeptieren, hilft Dir auch Probleme im Alltag lockerer zu nehmen. Da machen wir dann auch schon den ersten Schritt zur Integration der Meditationspraxis in den Alltag... ein sehr wichtiges Thema, über dass ich demnächst etwas schreiben werde.

Meditiert, aber Geist nicht ruhig?

Es kommt auch bei geübten Praktizierenden oft genug vor, dass eine Meditationssitzung nicht zu einem ruhigen und offenen Geist führt. Oft sind die Gedanken oder Emotionen einfach zu stark. Oft ist man im Trott und schafft es nicht, sich zu inspirieren. Aber auch das ist ganz normal. Erhoffe Dir nicht allzu viel von der Meditation. Über längeren Zeitraum betrachtet wird Dein Geist ruhiger, Dein Gemüt milder und Du glücklicher – dessen kannst Du Dir sicher sein. Aber auf dem Weg geht’s halt auch auf und ab.

Das zeigt wieder einmal, dass es am wichtigsten ist, an der Meditation dran zu bleiben.

Ich wünsche Dir Moskitos – und den Geist damit umzugehen. ;)

Sean.


Weitere Artikel in der Serie „Grundlagen der Meditation“.

Veröffentlicht am: 23.11.2014