Auf der anderen Seite des Zauns...

Wärend unseres alljährlichen Sauna-Retreats, fragte mich mein Vater, ob wir nicht mal ein neues Hotel ausprobieren wollen. Obwohl wir schon viele Jahre hier in die Grünen Au kommen und doch eigentlich sehr zufrieden sind...

Japanischer Gong - ruf zum Aufguß.

Die Sauna auf der anderen Seite des Zauns...

... ist heisser / schöner / geiler / [füge hier Dein Lieblingsadjektiv ein]

Das jedenfalls sind die Gedanken, die wir immer pflegen. Zufriedenheit ist nicht sehr präsent in unserem westlichen Lebensmodell. Wir brauchen immer etwas Neues und leben im ständigen Gefühl, dass wir mit dem, was wir haben und wo wir sind, nicht vollkommen glücklich werden können.

Vielleicht haben wir ja auch irgendwie recht...

Ein Loch mit den falschen Mitteln stopfen.

Das stetige Gefühl, dass uns irgendetwas fehlt, dass irgendetwas nicht passt, schwingt immer im Hintergrund mit – nur wissen wir nicht so recht, was uns genau fehlt. Und deshalb suchen wir außen nach immer neuen Dingen, die uns endlich die volle Zufriedenheit geben sollen. Selbst wenn wir Höhepunkte in unserem Leben erleben, haben wir einen leicht bitteren Nachgeschmack im Mund – weil der Höhepunkt ja wieder vergehen wird. Und dann? Dann fühlen wir uns wieder leer und hohl.

Dieses Gefühl, nicht 100% in sich zu sein, wird oft als „Loch“ bezeichnet. Ein Loch, dass wir ständig zu stopfen versuchen – erfolglos. Völlerei, Genuss, Besitz, Ruhm, Erfolg – ja selbst äußere Liebe vermögen es nicht zu stopfen.

Reinhard Lier sprach in einem Einführungsvortrag zu „Ein Kurs in Wundern“1 dieses Thema auch an:

„Wer denkt und fühlt schon in Fülle? Und Fülle ist wo? Im Geist. Nicht in der Welt.
Viele verwechseln Fülle mit weltlich, irdischen Freuden, Gelüsten. Das opulente Mal – drei, vier, fünf, sechs Gänge. Oder das Bankkonto. Das dritte, vierte, fünfte Haus. Und so weiter. Vergessen Sie es! Vergessen Sie es! Sie werden nie zufrieden sein. Sie werden noch ein siebtes und achtes Haus brauchen. Und dann hört es immer noch nicht auf. Es ist Unsinn, es ist einfach Unsinn. Das nützt Ihnen alles nichts. Wir wollen ein Loch stopfen mit Dingen, die dafür nicht geeignet sind. Sie können mit weltlichen Dingen nicht das innere Loch stopfen, das wir alle irgendwo fühlen.“

Was also sind die „richtigen Mittel“, um das Loch in uns zu füllen?

Man könnte sagen: Spirituelle Praxis natürlich. Meditation. Hingabe. Und so weiter... aber ich habe mir etwas Zeit gelassen, um das Thema eingehender zu kontemplieren und bin dabei draufgekommen, dass man das nicht so genau sagen kann...

Ja – spirituelle Praxis ist die Lösung. Aber nein – sie füllt das Loch nicht. Wir müssen akzeptieren, dass das Loch in uns nicht gefüllt werden kann. Wir müssen die illusorische Natur unseres Egos erkennen. Wo kein Boden, da auch kein Loch...

Kein Boden, kein Loch

Darauf gehen die buddhistischen Lehren über Shunyata (Leerheit) ein. Es geht darum zu erkennen, dass alles, was wir normalerweise als fest, dauerhaft und real ansehen, eigentlich leer ist. Die Formen, die wir als so handfest erleben, sind in Wirklichkeit leer, wenn man sie tiefer gehend betrachtet. Das heisst nicht, dass es gar nichts gibt – wir erleben ja die Welt und wir können mit Bestimmtheit sagen, dass wir da sind – nur was wir genau sind, können wir eben nicht sagen. Und die Formen bestehen nicht für sich alleine und vergehen alle so schnell wieder, wie sie auch entstanden sind. Sie haben also keine separate Existenz. Und das gilt für alle Formen – inklusive unserem Körper und auch unserem gewöhnlichen Geist, den wir normalerweise als Ausrede für ein separat existierendes Ich verwenden. Denn das es ein Ich gibt, das können wir doch spüren. Nur glauben wir fälschlicherweise, dass wir unsere Gedanken und unser Körper sind. Aber die vergehen halt wieder so schnell. Dieses stetige Vergehen ist es, dass wir als Loch erleben. Die Zeit rinnt uns durch die Finger, wir schreiten Sekunde für Sekunde näher an den Tod heran und können nichts tun – wir können uns an nichts festhalten.

Aber Shunyata ist kein absolutes Nichts, wie man sich das naturwissenschaftlich vielleicht vorstellen würde. Die Leerheit ist gleichzeitig eine Vollheit, ein göttlicher Überfluss, wenn man das so sagen kann. Nur müssen wir das halt erst erkennen.

Bis dahin sind das natürlich alles nur Worte. Aber es sind doch Kraftworte, die uns helfen können, uns von unserem irreführendem Greifen nach der vergänglichen Formenwelt abzuwenden...

Nach der Ekstase, die Schmutzwäsche2

Es fällt uns schwer, an einer Sache dran zu bleiben, sobald der Reiz des Neuen nachlässt. Das trifft auch auf die spirituelle Praxis zu. Ich kann in mir immer wieder beobachten, wie mein Geist von neuen, anregenden Ideen angesprochen wird. Und das ist ja an und für sich kein Problem. Einen offenen Geist zu haben und sich über verschiedene Traditionen und Pfade zu informieren, ist in meinen Augen kein Schaden. Aber um unseren Geist wirklich zu transformieren, müssen wir an unserem Pfad dran bleiben und ihn bis zum Ende verfolgen. Wenn's mal nicht mehr ganz so spannend wirkt, man einen Durchhänger hat, dann sieht man sich gerne nach neuen, spannenderen Lehren und Meistern um. Wir müssen aber dran bleiben und die neuen Lehren nicht als Ablenkung nützen.

Wir dürfen ruhig „vergleichende sprituelle Wissenschaft“ betreiben – das sehe ich nicht als problematisch. Im innersten Kern sind ja alle wahrhaftigen Lehren gleich. Und es ist ja auch nicht jeder auf einem fixen Pfad, es folgt nicht jeder einer Tradition. Aber gerade wenn man sich seinen spirituellen Pfad selber zusammenstellt3, muss man besonders achtsam sein, nicht wesentliche Bereiche auszulassen. Das sind meist die Übungen, die man nicht so gern macht. ;)

Es gibt natürlich auch Bereiche, in denen sich verschiedene Lehren ergänzen können. Als Buddhist kann man ruhig noch Yoga praktizieren – und ein Sufi kann auch zum Familienaufstellen gehen. Aber wir müssen gut aufpassen, dass die verschiedenen Übungen sich positiv ergänzen und dürfen die neuen Übungen und Theorien nicht als Flucht verwenden! Wir dürfen also nicht nur auf Ekstase hoffen, sondern müssen auch die Schmutzwäsche machen.

Genügend Worte.

Jetzt wende ich mich wieder meiner Schmutzwäsche zu. Ein wenig Meditation. Am Boden und nachher auch in der Sauna – da geht das übrigens auch sehr gut! Besonders in dieser Sauna hier. Passenderweise gibt's seit letztem Jahr einen großen, japanischen Gong, mit dem zum Aufguss „gerufen“ wird... das ist schon speziell.

Sean


  1. „A Course in Miracles“ ist ein, in der christlichen Tradition verankertes Lehrwerk, dass den Schüler graduell in das nicht-dualistische Denken führen soll. Es ist ein gechanneltes Werk, das, laut Angabe der Autorin Helen Schucman, von Jesus selbst gesprochen wurde. Mehr auf Wikipedia... 

  2. Frei gestohlen von dem Buchtitel „After the Ecstasy, the Laundry – How the Heart Grows Wise on the Spiritual Path“ von Jack Kornfield

  3. Über selbst zusammengestellte spirituelle Praxis könnte man natürlich noch jede Menge schreiben... das ist ja ein ganz gängiges Thema in der heutigen Zeit, wo wir so viel spannende und tief gehende Infos zur Verfügung haben. Nur dürfen wir Belesenheit nicht mit wahrer Einsicht verwechseln... 

Veröffentlicht am: 8.02.2015