Enttäuscht? Gut so!

Von unserer Schule bekommen wir immer mal wieder ein Email, in dem steht, dass wir „Aus gegebenem Anlass“ zur Lauskontrolle sollen. Beim Wort haben wir die Schule dabei noch nie genommen – unsere Kinder hatten glücklicherweise auch noch keine Läuse –, aber das „Aus gegebenem Anlass“ finde ich super. Gerade mal angedeutet, aber doch vage. Die Läuse, von denen ich heute schreibe, sind jedoch nicht einfach mit einem Lauskamm oder Shampoo zu beseitigen, sondern nur durch eine Änderung unserer inneren Ansicht und Denkensweise... Soviel zur Vorgeschichte – jetzt legen wir los.

Aus gegebenem Anlass möchte ich heute über das Phänomen der Enttäuschung schreiben.

Wenn man „Du hast mich enttäuscht.“ sagt, wie fühlt man sich da? Ist man vielleicht erleichtert, dass man eine Täuschung, eine Illusion losgeworden ist? Oder ist man traurig, vielleicht sogar wütend? Ich wage zu behaupten, dass unsere Reaktion meist die letztere ist. Wir halten zwanghaft an unserer Phantasiewelt fest, denn wir haben sie uns genauso eingerichtet, wie wir es mögen – wie soll da die Realität mithalten?

Da fällt mir folgende Aussage von Sogyal Rinpoche ein:

„Eine der größten buddhistischen Traditionen nennt die Natur des Geistes ‘die Weisheit der Gewöhnlichkeit.‘ Ich kann es nicht oft genug sagen: Unsere wahre Natur, und die Natur aller Wesen, ist nicht etwas Fantastisches. Die Ironie ist, dass unsere sogenannte ‘normale‘ Welt eine außergewöhnliche, fantastische, ausgefeilte Halluzination der verblendeten Vision von Samsara ist. Es ist diese ‘außergewöhnliche‘ Vision, die uns die Sicht auf die ‘gewöhnliche', natürliche, uns innewohnende Natur des Geistes verstellt.“[1]

Ich glaube, es ist eine gute Übung für uns, jede Enttäuschung, jedes Mal „vor den Kopf gestoßen werden“, jede Verblüffung und jede Desillusionierung als Anlass zu nehmen, um uns ein klein wenig mehr der Tatsächlichkeit unserer Existenz zu öffnen. Natürlich ist es verunsichernd und rüttelt es uns ein wenig durch, wenn wir unsere Verblendungen vor Augen gehalten bekommen. Aber es bringt nichts, wie kleine Kinder, wütend an unserem Standpunkt festzuhalten und allen anderen irgendeine imaginäre Schuld zuzuschieben, nur um uns besser zu fühlen. Auf Dauer kann man nicht gegen die Realität ankämpfen, jedenfalls nicht wenn man glücklich sein will. Besser wir versuchen unsere Ideen, die sich als nicht mit der Realität im Einklang stehend herausgestellt haben, loszulassen.

Auch ein Hinweis von Eckart Tolle fällt mir in solchen Fällen immer wieder ein. Er erzählt davon, wie man sich verhalten sollte, wenn einem ein Freund am Telefon absagt. Es fällt uns meist schwer, unsere Pläne loszulassen, wenn die Realität uns einen Strich durch die Rechnung macht. Anstatt die Dinge dann so hinzunehmen, wie sie sind, reagieren wir oft beleidigt oder wütend und nennen das Mischmasch unserer Gefühle und Gedanken dann „Enttäuschung“. In so einem Moment rattern uns vielleicht Gedanken durch den Kopf, darüber wie unzuverlässig oder gemein unser Freund ist und darüber, wie sehr wir uns auf unser Treffen gefreut hatten und dass jetzt unsere ganze Tagesplanung auf den Kopf gestellt wurde. Schrecklich ist das Ganze! Laut Eckart Tolle sollten wir uns immer auf den jetzigen Moment, so wie er ist, konzentrieren, anstatt in unseren Gedanken zu schwelgen. Also hört man die Absage am Telefon, beobachtet wie man darauf innerlich reagiert, erkennt aber gleich, dass man selber für seine Gedanken und Gefühle verantwortlich ist – besagter Freund ist nicht daran schuld. Und dann lässt man seine innerliche Reaktion los und sieht, dass die Realität in der man sich befindet eben gerade so ist und es keinen Sinn macht dagegen anzukämpfen.

Gerne rechtfertigen wir unsere Gedanken damit, dass sie so wichtig sind für unser Leben. Und ja – es gibt viele Momente, in denen Gedanken wichtig sind, aber es gibt noch viel mehr Momente, in denen wir von unseren Gedanken eher belästigt werden. Dann ist es besonders wichtig, die entstehende Gedankenkette an einer Stelle zu durchschneiden und ihr nicht weiter nachzugehen, auch wenn wir uns so sehr „im Recht“ fühlen. Und diese Herangehensweise gilt natürlich in jedem Fall, wenn wir enttäuscht oder desillusioniert wurden, nicht nur wenn uns ein Freund absagt.

Also haben wir hier eine wundervolle Gelegenheit, um uns im Loslassen zu üben und zu sehen, wie gut wir im Alltag mit unserem Geist umgehen können. Wenn's klappt, dann war die Enttäuschung gut, weil wir danach weniger verblendet sind und näher an der Realität sind. Und wenn's mal nicht so gut klappt, dann ist es ein gute Erinnerung daran, dass wir doch noch etwas mehr Trockentraining brauchen (Meditation etwa). Wenn man es so betrachtet, ist die Enttäuschung in jedem Fall etwas Gutes...

Sean.

Veröffentlicht am: 11.10.2015