Geburtstag - das Leben feiern!

Letzten Sonntag hatte ich Geburtstag. Obwohl ich eigentlich schon am Fasten war, gab's zwei Torten – musste wohl sein. Auf den Torten waren aber nicht 34+1 Kerzen, sondern jeweils nur eine – die Lebenskerze. Mehr Kerzen zum Ausblasen hätten dem Finley vermutlich gefallen, aber die Lebenskerze ist ohnehin am wesentlichsten.

Was feiern wir denn da eigentlich?

Auf den ersten Blick scheints ja, als ob wir die Person feiern würden. Und das jedes Jahr eine Kerze dazukommt, vermittelt den Eindruck, als ob primär das steigende Alter gefeiert wird.

Aber es heisst doch nicht Schön-dass-du-da-bist-Fest oder Ein-Jahr-weiser-Fest – obwohl das natürlich auch zwei schöne Feste sein könnten –, sondern Geburtstagsfest. Man feiert den Geburtstag an dem Tag, an dem er sich jährt, aber man feiert trotzdem den Geburtstag selber und nicht das Jubiläum.

Feiern wir das Leben...

Also feiern wir die Tatsache, dass wir überhaupt geboren worden sind. Und zur Geburt gehört auch der Tod – ohne das eine, gibt es das andere nicht. Wir feiern also die Gesamtheit des Lebens. Nur – nehmen wir das bewusst war, wenn wir Geburtstag feiern? Wenn wir uns dieses Grundes bewusst sind, könnten wir das Fest nutzen, um in uns die Wertschätzung für diese wundervolle Existenz zu stärken und diese Dankbarkeit in unseren Alltag einfließen zu lassen.

Aber, wie Jürgen Neffe in einem Interview zu seinem neuen Buch „Mehr als wir sind“ gesagt hat, ist die Frage: Freuen wir uns zu leben, oder sehen wir es es als eine unangenehme Pflicht an?

Ich finde, dass ist eine sehr wesentliche Frage. Denn in unserem Alltagsstress, zwischen all unseren Problemen und unserem gefühlten Überlebenskampf, kommt die Lebensfreude meist zu kurz. Und was wir oftmals als Lebensfreude bezeichnen, ist nur ein billiges Substitut: ein aufgeregter Körper-Geist-Gefühlszustand, in den wir uns begeben, um uns wieder lebendig zu fühlen. Dafür müssen wir dann Sport machen, Drogen konsumieren, Party machen oder anderweitig zu Adrenalin kommen. Aber muss das denn sein? Können wir uns nicht einfach so des Lebens freuen? Wäre das nicht schön? Sollten wir nicht daran arbeiten diese Freude zu kultivieren und zu einem dauerhaften Seinszustand zu machen?

4 Gedanken

Im tibetanischen Buddhismus gibt es viele clevere Tricks und Methoden, die uns dabei unterstützen, unsere innere Geistesnatur zu entdecken und dieses Gewahrsein in uns zu stabilisieren. Eines dieser Werkzeuge sind die 4 Gedanken. Sie sollen uns helfen, uns von unserer Verhaftung an Samsara1 zu lösen und uns immer wieder zurück zum spirituellen Pfad führen. Man wiederholt diese Sätze jeden Tag in seinem Kopf und kontempliert ihren Inhalt, um sich wieder und wieder der Wichtigkeit der spirituellen Arbeit bewusst zu werden.

Der Gedanke lautet:

„Glücklich, solch menschliche Geburt zu haben, schwer zu erlangen, frei und äußerst begünstigt.“2

Es geht also genau darum, das kostbare menschliche Leben wertzuschätzen und dabei zu erkennen, dass wir die wenige Zeit, die wir haben, nicht mit Belanglosigkeiten totschlagen sollten, sondern sie zur Erkenntniss unserer wahren Natur nutzen sollten. Der Sinn3 unserer Existenz ist es unsere wahre Natur zu entdecken, in ihr zu verharren und daraufhin andere Lebewesen zu unterstützen.

Also machen wir es doch so. Feiern wir unsere Geburtstage und die Geburtstage unserer Freunde und Familie in dem Bewusstsein, dass es ein Wunder ist, dass wir geboren worden sind und dass wir dieses Wunder nicht ungenutzt verstreichen lassen sollten – denn wer weiss, wann wir wieder in so einer günstigen und freien Form2 geboren werden.

Sean.


  1. Samsara ist der leidvolle Zyklus von Leben und Tod und der leidvolle Geisteszustand, in dem wir normalerweise verharren. Der Austritt aus Samsara wird Nirvana genannt. Es ist das Erwachen aus dem samsarischen Alptraum, die Erkenntnis seiner wahren Natur und dadurch auch das Erlöschen jeglicher negativen Geisteszustände, die in Samsara so normal sind.
    Wikipedia: Mehr über Samsara und mehr über Nirvana

  2. Geboren als Mensch, mit einem relativ gesunden Körper und Geist, vergleichsmäßig wohlhabend und mit recht großer politischer, wie wirtschaftlicher Freiheit – also perfekt ausgestattet mit Körper, Geist und Zeit um den spirituellen Pfad zu beschreiten. 

  3. Aus absoluter, nicht-dualitsischer Sicht gesehen, könnte man auch sagen, dass es keinen Sinn gibt. Aber man darf diese Idee nicht als Ausrede missbrauchen und sich dadurch von der spirituellen Arbeit abwenden. Denn offensichtlich sind wir noch nicht erleuchtet und somit trifft die nicht-duale Sicht der Dinge nicht vollkommen auf uns zu... das könnte man natürlich noch mehr erörtern. Aber dafür braucht's einen eigenen Artikel... oder ein Duo. 

Veröffentlicht am: 1.03.2015