Hyperaktivität vs. Zufriedenheit

So wie unserer Wirtschaftssystem stetiges Wachstum hochhält, halten wir es auch im Kleinen, bei uns persönlich. Wir sind selten zufrieden, haben immer das Gefühl mehr machen, mehr erreichen und mehr haben zu müssen.

Als Beruf ist es nicht mehr ausreichend, eine „gute“ Arbeit zu haben, sondern man muss richtig Karriere machen. Um gute Eltern zu sein, reicht es nicht mehr, für Geborgenheit und Gesundheit seiner Kinder zu sorgen, sondern man muss sie optimal fördern, ihnen die heile Welt bieten und nach Möglichkeit jegliche innere und äußere Probleme, die sie erleben könnten, frühzeitig erkennen und ausgleichen. Einen gesunden Körper zu haben ist auch nicht mehr ausreichend, sondern wir wollen den Superbody! Und natürlich möchte man Zeit für Hobbies haben und seine Berufung finden und ihr nachgehen.

Die Idealperson

All diese Tätigkeiten sind an und für sich schön und gut, aber es ist oft einfach zu viel – und dieses Zuviel ist eine Luxuserscheinung unseres Wohlstandes. Wir haben reichlich Freizeit und Geld und können daher so viel machen und nachdenken. Und wir sind gleichzeitig auch noch informiert darüber, was alle anderen so machen, wodurch wir uns dann den Mega-Stress antun, weil wir das auch alles machen wollen. Wir vergleichen uns dann aber nicht mit einer einzelnen, wirklichen Person, sondern mit einem Idealbild, das wir in unserem Geist zusammenbauen – der Idealperson. Die wollen wir sein.

Und das Idealleben leben, mit allem drinnen: Karriere, Familie, Sport, Hobbies, Realisation, Verschwendung, Nachhaltigkeit, Entertainment, Infotainment, Aktivismus, Apfelmus,... you name it. Aber, dass das alles nicht unter einen Hut zu bringen ist, sollte uns doch klar sein...

Aktive Faulheit

Sogyal Rinpoche sagt immer wieder, dass es zwei Arten von Faulheit gibt:

  1. Die östliche Variante, die darin besteht den ganzen Tag abzuhängen, nichts zu tun und Chai zu trinken.
  2. Die westliche Variante, die darin besteht den ganzen Tag mit Aktivität vollzustopfen, um die wirklich wichtigen Fragen und Aktivitäten zu meiden.

In unserer Hyperaktivität vernachlässigen wir die wesentliche Erforschung und Arbeit mit unserem Geist. Und wenn wir zu gestresst sind, bleibt auch das Mitgefühl für andere Menschen auf der Strecke.

Raus aus dem Hamsterrad?

Ich glaube, es gibt verschiedene Ansätze, die wir parallel verfolgen sollten, um einen kleinen Schritt aus unserem Hamsterrad raus zu machen.

  1. Erkennen, was uns glücklich und was uns unglücklich macht
    Wenn man tief genug in sich hereinschaut, kann man erkennen, dass ein Großteil unserers hektischen Tuns uns eigentlich nicht glücklich macht. Diese Erkenntnis, die man vielleicht mal in ruhigen Momenten hat, sollte man sich immer wieder vor Augen halten, um nicht falschen Zielen nachzulaufen.

    In den buddhistischen Lehren gibt’s die 4 Gedanken, die einem helfen sollen, sich von Samsara abzuwenden und stetig an seiner Erleuchtung zu arbeiten. Der vierte Gedanke sagt im Grunde genau das aus:

    “Samsara ist ein Ozean des Leids – unerträglich und äußerst bedrängend.”

    Die Zufriedenheit und das Glück, die wir mit unserer Aktivität anstreben, sind also in Wirklichkeit nicht dort zu finden, wo wir danach suchen. Deshalb werden wir auch nicht dauerhauft glücklich mit dem nächsten Job, dem nächsten Hobby, dem nächsten Urlaub... Vorübergehend machen uns diese Aktivitäten scheinbar glücklich – aber das gute Gefühl vergeht wieder ziemlich schnell.

  2. Nobody's Perfect – not even Life
    Der Zustand der Perfektion ist in dieser Existenz nicht anzufinden. Wir haben ein Bild der Perfektion in uns – vielleicht eine Erinnerung an eine andere Existenzebene? – und streben danach es auf dieser Welt Realität werden zu lassen. Aber hier auf dieser Erde, in diesem Körper können wir diese Perfektion nicht erreichen. Das heisst nicht, dass wir niemals an etwas hart arbeiten dürfen – die Frage ist nur, wo stecken wir unsere Zeit und Energie rein, und macht uns die Aktivität glücklich? Und wir müssen locker bleiben und mit den Resultaten zufrieden sein, auch wenn es anders kommt, als wir es uns vorgestellt oder gewünscht haben. Ich weiss, das ist nicht einfach, aber Seelenfrieden ist anders nicht möglich.

  3. Mehr Sein
    Eckart Tolle betont es immer wieder: Wir sollen einfach mehr sein und weniger tun. Man übt sich im Sein zunächst in ruhigen Situationen – bei der Meditation, in der Natur,... Wenn man mehr Übung im Sein hat –klingt blöd, ist aber so –, kann man dauerhaft mit seinem inneren Wesen verbunden sein, auch wenn man äußerlich aktiv ist. Und die Übung hierfür ist die...

  4. Spirituelle Praxis
    Da wir es verlernt haben, einfach in unserer Geistesnatur zu verharren, müssen wir daran arbeiten, diese Verbindung wieder aufzubauen und aufrecht zu halten. Somit bekommt auch dieser Teil des Lebens einen etwas geschäftigeren Charakter – nicht nur die Entspannung, die wir uns vielleicht wünschen. Aber man kann ja eine Balance finden zwischen ruhigem Verweilen in der Meditation und aktiveren Übungen, wie Studium der Lehren, Kontemplation, Rezitation, etc.

  5. Gelassenheit im Alltag
    Meist ist das Problem gar nicht, dass wir wirklich zu viel zu tun haben, sondern nur, dass wir es uns in den Kopf setzen, viel tun zu müssen. Vieles von dem, was wir tun, müsste vielleicht gar nicht getan werden. Ja, es ist vielleicht nett es zu tun, aber vielleicht nicht wirklich angesagt in diesem Moment. Anstatt immer gleich alles zu machen, was uns in den Kopf kommt, sollten wir vielleicht darauf achten, was das Leben eigentlich derzeit wirklich von uns will.

    Das inkludiert unsere Projekte und Pläne. Es ist schon gut, sinnstiftenden Aktivitäten nachzugehen – hingebungsvoller Dienst etwa ist ja eine eigene spirituelle Praxis –, aber wir sollten nicht gegen den Strom des Lebens anschwimmen. Wenn man versucht wahrhaftig zu Leben, heisst das zwar vielleicht, dass man mal gegen den Strom der Gesellschaft anschwimmt – aber immer mit dem Wahrheitswind in den Segeln. Hat man jedoch keinen Wind in den Segeln, dann wird das Ganze schon recht mühsam. Dann ist es besser, man bleibt gelassen, nimmt sich zurück und hört etwas tiefer in sich hinein bzw. sieht sich genau in seinem Leben um, um zu erkennen, was als nächstes angesagt ist.

So. Und jetzt genug geschrieben (und gelesen). Ich setze mich für meine morgendlichen 15 Minuten hin und wünsche Dir auch ein gutes Sein!

Sean

Veröffentlicht am: 7.03.2015