Kaktusgoo – oder vorschnelle Urteile

Was macht grünes, schleimiges Zeugs auf meinen schönen Mozart-Noten?! Was für eine Begrüßung vor meiner morgendlichen Klavierübung...

„Das können wohl nur die Katzen gewesen sein... die müssen ja auch immer und überall hinkotzen!“

Kaktusgoo auf Mozart-Noten

Betroffener Kaktus & Noten. Aber sie standen nicht beisammen. Also nicht ganz so offensichtlich für Seanlock Holmes!

Aber nein! Zu schnell geurteilt.1 Es war ein Kaktus, der abgebrochen und heruntergefallen ist, weil ich ihn nicht genügend gegossen habe...

Kaktusgoo auf meinen Noten.

Die Angewohnheit, vorschnell zu urteilen, kann ich immer wieder in mir beobachten – und nicht nur in mir. Wir alle haben diese Tendenz. Wenn etwas schief geht, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es gerne hätten, dann suchen wir immer sofort einen Schuldigen. Und der Schuldige muss natürlich jemand anderes sein.

Warum machen wir das?

Wir wollen in Kontrolle sein

Ich habe den Eindruck, dass wir durch unerwartete Geschehnisse schnell verunsichert werden, und Schuldzuweisungen uns dabei helfen, unser Equilibrium wieder herzustellen. Wir wollen nicht wahr haben, dass das Leben stets Überraschungen parat hat und dass wir eigentlich relativ wenig kontrollieren können. Wenn wir einen Schuldigen für die unangenehmen Dinge, die uns zustoßen, finden, dann haben wir die Quelle unseres Leids externalisiert und klar zugeordnet – wir haben das Gefühl, dass es irgendwie kontrollierbarer wird. Selbst wenn wir trotzdem nichts ändern können, können wir zumindest angefressen sein. Das gibt uns schon eine gewisse Macht. Wenn es hingegen Karma oder Schicksal ist, dass unser Leben formt, dann fühlen wir uns recht hilflos.

Wir wollen im Recht sein

Wir schieben die Schuld für alle Probleme am liebsten auf andere – dann fühlen wir uns stärker und besser. Ich erinnere mich an ein spannendes Interview mit einem japanischen Künstlers, der nach der Fukoshima Katastrophe erkannte, dass er selbst Teil des Problems war.

Natürlich wetterten die meisten gegen die Kraftwerksbetreiber, gegen die Politiker, gegen die Atomlobby. Aber besagter Künstler hat etwas tiefer geschaut und erkannt, dass die Japaner auf Atomstrom angewiesen sind und er selbst, wie alle anderen auch, Tag für Tag viel, viel Strom verbraucht. Es ist also die ganze Bevölkerung Teil des Problems. Das ist eine kräftige Einsicht. Auch wenn diese Einsicht, nicht sofort etwas an der Situation ändert, hat man dadurch in jedem Fall etwas mehr Frieden in seinem Geist und separiert sich selbst nicht mehr so sehr von der restlichen Welt. Und ganz nebenbei wird man durch diese ehrliche Sicht der Dinge, in der man sich selber nicht mehr aus Angst aus der Rechnung herausnimmt, eher in der Lage sein, etwas sinnvolles und nachhaltiges gegen die unmittelbaren Probleme zu unternehmen.

Wir wollen im Unrecht sein

Aber selbst wenn man nicht den Schuldigen außerhalb von sich selbst sucht, sondern sich selber die Schuld gibt, kann man in eine ähnliche Falle hereinfallen. Sich selber runterzumachen ist im Grunde das selbe Muster, wie sich selber zu glorifizieren. In beiden Fällen stärkt man sein Selbstbild, stärkt man das Gefühl, ein solides Ego zu sein, das von der restlichen Welt getrennt ist.

Das heisst nicht, dass wir alle Schuld von uns weisen sollten. Im Gegenteil. Man kann alle Schuld auf sich nehmen und erkennen, dass alles, was einem wiederfährt – gutes, wie schlechtes –, ein Produkt seiner vergangenen Handlungen ist. Wenn nicht aus diesem Leben, dann aus dem vorherigen Leben. Das ist das Gesetz des Karma. Im Gegensatz zur allgemeinen Ansicht von Schicksal, hat man in diesem Fall nicht die ganze Kontrolle abgegeben. Auch wenn man die Vergangenheit nicht ändern kann, so kann man zumindestens aktiv seine Zukunft formen, indem man jetzt Gutes tut. Und man sieht, dass man die Dinge, die einem widerfahren gelassen erdulden sollte, damit man nicht durch aggressive Reaktionen neues negatives Karma aufbaut.

Verantwortung statt Schuld

Die gängige Idee von Verantwortung hat immer etwas mit Schuld zu tun. Derjenige, der verantwortlich ist, hat natürlich einen Fehler gemacht und sollte sich gefälligst schlecht fühlen! Vielleicht ist das auch von unserer falsch verstandenen Idee der Sünde gefärbt.

Aber eigentlich hat Verantwortung nichts mit Schuld zu tun, sondern, wie das Wort selber schon sagt, nur damit dass man auf die gegebene Situation antwortet. Wenn man sich verantwortlich fühlt, heisst es also eigentlich nur, dass man auf die Situation reagiert und tut, was getan werden muss, um die Situation zu korrigieren – das kann man aber durchaus ohne einem schlechten Gefühl tun.

Verantwortung inkludiert eine ehrliche Analyse der vergangenen Geschehnisse und das Erkennen der Fehlerquellen. Das heisst, man kann auch seine eigenen Taten oder Fehler als Ursache erkennen, muss sich dabei aber nicht unbedingt schlecht fühlen muss. Es ist niemandem geholfen, wenn man sich selber runtermacht. Wesentlich ist nur, dass man seine Fehler soweit als möglich korrigiert, daraus lernt und sie in Zukunft vermeidet. Je mehr Einsicht man in die Abläufe der Welt gewinnt, desto mehr erkennt man, dass man nicht alleine da steht und es sehr schwierig ist, einzelne Schuldige für irgendetwas zu finden. Wir alle sind Rädchen einer großen Maschine und hängen voneinander ab – wir sind von Außen beeinflusst und unsere Aktionen beeinflussen wiederum andere.

Wir können also ruhig gelassen bleiben und erkennen, dass das Selbst, mit dem wir uns gerne identifizieren, nicht so fest ist, wie wir es uns normalerweise vormachen. Lass uns erdulden, was uns geschieht und lass uns Gutes tun, um positive Samen für die Zukunft zu säen. Aber lass uns gleichzeitig Abstand waren und sehen, dass unser wahres Ich jenseits von Handlungen und Resultaten liegt, jenseits unserer Gedanken und jenseits von Zeit und Raum.

Und lass uns geduldig mit unseren Haustieren sein – selbst wenn sie auf unsere Noten kotzen.

Sean


  1. Kaktus und Noten am Bild sind die tatsächlich Betroffenen. Nur standen Sie nicht so schön beisammen, sonst hätte es wirklich keinen Sherlock Holmes gebraucht um den Zusammenhang zu erkennen. ;) 

Veröffentlicht am: 15.02.2015