Schweigen

Bei dieser Hitze fällt mir manchmal das Denken schwer. Meinem Kopf geht's ähnlich wie meinem Laptop – der ist auch schon ganz heiss. Da läuft dann die Belüftung auf Hochtouren, aber wie kühlt man seinen Kopf?

Klar, man kann eine kühle Dusche nehmen, in den Pool springen, ein Eis essen. Aber das kühlt doch nur von außen, wir brauchen aber innere Kühlung! Unsere Gedanken sind es, die uns innerlich erhitzen. Wenn unser Geist arbeitet, wird er aufgeregt (=heiss), wie die CPU eines Computers. Am effektivsten kann man die CPU kühlen, indem man ihr weniger Arbeit gibt, nur leider ist unsere CPU es gar nicht mehr gewöhnt, wenig zu arbeiten. Wenn's außen eigentlich mal weniger zu tun gäbe, dann geht's innen erst recht rund – wir finden immer etwas, über das wir uns den Kopf zerbrechen müssen (=wollen).

Eine Übung, die ich vor einiger Zeit wöchentlich praktiziert habe, ist es für einen gewissen Zeitraum Stille einzuhalten. Ich würde das auch jetzt gerne machen, nur macht meine Lebenssituation (als Vater von 3 Kindern) das derzeit etwas schwierig. Trotzdem (oder gerade deswegen) möchte ich Dir (und mir) gerne etwas über das Schweigen schreiben.

Wie innen, so auch aussen...

„Wie oben, so unten; wie innen, so außen; wie der Geist, so der Körper“ 1

Das „Prinzip der Analogie“ der hermetischen Philosophie besagt, dass die Verhältnisse im Universum denen im Individuum entsprechen. Das heisst, dass Veränderungen im mikrokosmischen Bereich sich auf die Gesamtheit auswirken und vice versa. Während mit diesem Gesetz meist auf den Zusammenhang zwischen Individuum und der Welt eingegangen wird, kann man es ebenso auf unser inneres und äußeres Leben beziehen.

Man wird zum Beispiel äußerlich stiller, wenn man innerlich zur Ruhe gefunden hat. Und es bedeutet auch, dass man äußerliche Probleme durch innere Arbeit lösen kann. Es heisst aber auch, dass äußere Einflüsse den inneren Geisteszustand verändern. Das ist ja nichts Neues, das kriegen wir doch die ganze Zeit mit. Meist werden wir von außen mit allen möglichen Eindrücken, die unseren Geist aufwühlen, zwangsbeglückt, doch wir können uns diesen Effekt auch aktiv zu Nutze machen, indem wir äußerliche Umstände schaffen, die uns zu innerer Ruhe verhelfen. Die ruhige, aufrechte Pose beim Sitzen in der Meditation etwa, versetzt unseren Geist in eine ebenso anmutige wie stille Position. Ebenso verhält es sich beim Yoga. Und auch das Befolgen äußerlicher, ethischer Grundsätze trägt zu einem positiven Geisteszustand bei. Natürlich gibt es hierfür viele, viele Beispiele. Heute möchte ich aber, wie schon gesagt, auf die Stille eingehen.

Außen still, innen still

Und um den inneren Dialog zu reduzieren hilft es, ganz einfach weniger zu reden. Natürlich ist es am besten generell im Alltag weniger zu sprechen und stattdessen mehr und aufmerksamer zuzuhören. Um sich im Alltag möglichst oft an die innere Stille zu erinnern und von der äußeren Aufregung losgelöst zu sein, ist es hilfreich, sich immer mal wieder eine Auszeit gönnen – ein geistiges Fasten quasi.

Schweigen

Man sucht sich also einen Tag aus, an dem man einen gewissen Zeitraum lang nicht spricht (z.B.: einige Stunden bis ein halber Tag) – weder mit dem Mund, noch in Zeichensprache, noch in geschriebener Sprache. In diesem Zeitraum sollte man nach Möglichkeit auch nicht lesen, Musik hören oder fernsehen, sich also auch keine äußere Sprache zuführen. Während des Schweigens kann man zum Beispiel meditieren, Sport machen, Spazierengehen, oder einfache Haushaltsarbeiten erledigen, für die man nicht viel nachdenken muss.

Am besten, man organisiert es so, dass man in diesem Zeitraum nichts Wichtiges zu erledigen hat und man bespricht sein Vorhaben vorher mit seinen Mitbewohnern (z.B. dem / der PartnerIn), damit man möglichst nicht gestört wird. Wenn Dein Gegenüber trotzdem auf Dein Schweigen vergisst und Dich anspricht, dann reicht es meist, wenn Du ein dezentes Zeichen machst, um auf Deine Stille hinzuweisen. Wenn dann doch jemand etwas zu Dir sagt, was für die Bewältigung Deines Alltags unmittelbar relevant ist, höre zu, reagiere darauf (sofern möglich ohne Sprache) und kehre dann so schnell wie möglich wieder in die innere Stille zurück. Wobei einem bewusst sein sollte, dass es in Wirklichkeit nur wenige Situationen gibt, die tatsächlich gerade zu diesem Zeitpunkt geklärt werden müssen – meist ist es nur ein Versuch unsere Geistes, uns auszutricksen und wieder zurück in die Welt der Gedanken zu locken.

Danach

Wenn Du Dein Schweigen beendest, dann stürze Dich nicht wieder mit vollem Elan in die Welt der Worte, sondern lass sie ganz langsam in Dich hereinfließen. Versuche die innere Stille zu wahren, auch wenn du äußerlich wieder zu kommunizieren beginnst. Versuche Deine Worte bewusst zu wählen und nicht mehr zu sprechen als notwendig – bleibe also innerlich in Kontakt mit der Stille, die Du äußerlich kultiviert hast.

Sean


  1. Das „Prinzip der Analogie“ (auch: „Gesetz der Entsprechung“) – Prinzip 2 der hermetischen Prinzipien aus dem Kybalion. (Kybalion auf Wikipedia

Veröffentlicht am: 26.07.2015