Aus der Stille – zurück zur Stille

„So wie das Lied sich stets um die Lösung drückt.
So, wie die Ruhe gestört wird, damit wir die Stille spüren.“

In diesen zwei Zeilen meines Liedes „Mittendrin“, geht es um das Paradox der Musik. Denn eigentlich ist Musik ja immer eine Störung der Ruhe und alle funktionalen Akkordabfolgen, wie auch Melodien drängen nach der sogenannten „Auflösung“. Das heißt, sie wollen zur Tonika (dem Grundakkord) zurückkehren. Man macht in der Musik also eine Reise, die ihren Anfang in der Ruhe hat und nach einigen Auf und Abs wieder in die Stille zurückkehrt. Musikstücke, die nicht diesem Muster folgen, die sich zu guter Letzt nicht in irgendeiner Weise auflösen, hinterlassen in uns meist ein unruhiges, leicht unzufriedenes Gefühl.

Ebenso verhält es sich mit dem geschriebenen Wort. Zunächst ist da ein leeres Blatt. Das wird beschrieben, man spannt einen erzählerischen Bogen, rundet zum Schluss hin wieder ab und lässt den Leser wieder in die Stille zurückkehren. Wenn danach beim Leser oder Zuhörer etwas hängen bleibt – eine Melodie, oder eine Idee – dann ist das natürlich schön, aber zunächst wollen alle erst wieder zur Ruhe kommen.

Hier spiegelt die Musik und das Wort unser Leben wieder. Wir werden aus der Stille geboren, durchleben die Musik des Lebens (mit ihren vielen, all zu spannenden Stellen) und kehren zu guter Letzt wieder in die Stille zurück. Nur leider sind wir so vernarrt in die Welt der Klänge und Formen, dass wir den Zugang zur Stille verloren haben und daher auch so große Angst vor dem Tod haben. Aber der Tod ist immer gegenwärtig, wir können jeden Moment nutzen, um uns an ihn zu gewöhnen. Denn alles, was wir erleben, folgt dem selben Muster: Es entsteht, besteht eine Zeit lang und vergeht dann wieder. Meist achten wir nur auf das Bestehen. Wir möchten, dass die Phase der Entstehung möglichst schnell vorüber ist, und bemühen uns, die Dinge dann möglichst lange vor dem Vergehen zu schützen. Aber dem natürlichen Verfall entgegenzuwirken, ist sehr anstrengend. Vielleicht wäre es besser, wenn wir uns mit allen 4 Phasen (Nicht-Sein, Entstehen, Bestehen und Vergehen) des Lebenszyklus anfreunden...

Versuchen wir also unsere Augen und Ohren zu öffnen, um aufmerksam das Entstehen und das Vergehen der Formen um uns und in uns zu erleben. Und vielleicht erleben wir dann auch einen Zwischenstatus, in dem eine Form vergangen ist, die nächste aber noch nicht wieder entstanden ist – gerade bei unseren Gedanken können wir dies besonders bewusst erleben. Das ist dann Meditation. Auf Musik umgelegt, kann man das besonders bewusst in der japanischen Shakuhachi1 Musik erleben, in der besonders viel Augenmerk auf das Entstehen und Abklingen der Töne gelegt. Als Zuhörer ist man eingeladen, aufmerksam zu lauschen, und zu hören, wie lange die Flöte noch klingt und wann nicht mehr. Wann ist da Stille, wann ist da Klang? Und wann wir die Stille wieder von einem neuen Klang unterbrochen?

Hier kannst du ein meditatives Solo Stück hören: „Honshirabe“ - gespielt von Miata Kohachiro

Und hier eine traditionelle, klassische Komposition für Shakuhachi und Guzhen (chinesische Zither): „Haru no Umi (Spring Sea)“ komponiert von Michio Miyagi

Mmm... mit diesen Musikstücken lasse ich nun auch meine Worte zur Ruhe kommen.

Ich wünsche Dir ein schönes Eintauchen in die Stille. Sean.


  1. Die Shakuhachi ist eine Bambusflöte, die ursprünglich aus China stammt und im sich 17. Jahrhundert zu einem Meditationsinstrument der zenbuddhistischen Mönche entwickelte. (Wikipedia DE Artikel) / Wikipedia EN Artikel - mit Auflistung populären Aufnahmen (z.B.: Memoirs of a Geisha Soundtrack od. Intro v. Brothers in Arms der Dire Straits) 

Veröffentlicht am: 15.11.2015