„Das Glück ist ein flüchtiger Vogel“ (Udo Jürgens)

Ich habe in der Zeit ein Interview mit Udo Jürgens gelesen, das kurz vor seinem 80. Geburtstag gemacht wurde. Ein paar seiner Aussagen waren für mich recht inspirierend – daher möchte ich sie, mit meinen Kommentaren versehen, jetzt mit Dir teilen.

Ob man Udo Jürgens nun mag oder nicht: seine Lieder haben sehr viele Menschen erreicht – manche Textzeilen sind sogar Teil unserer Alltagssprache geworden – und er hat in seiner Karriere einiges erreicht, von dem viele träumen. Er ist also ein Sinnbild für das geglückte Leben, so wie es uns von unserer Gesellschaft suggeriert wird. Jeder von uns übernimmt diese Idee auf seine eigene Art. Ob es nun Musik ist, oder eine andere Kunst oder Karriere, auf die man abzielt – fast jeder träumt irgendwie davon, etwas Besonderes zu tun oder zu sein und dafür von außen Anerkennung zu ernten.

Aber in dem Interview zeigt sich wieder einmal, dass das Glück des Erfolgs, eine Fata Morgana ist, die sich auflöst, wenn man Sie erreicht hat. Udo Jürgens sagt, dass Erfolg ein Rausch ist, der nicht wärmt, dass Euphorie ein Scheinglück ist und dass die Liebe in seinem Leben nur oberflächlich war.

Ich kannte Udo Jürgens nicht persönlich und möchte auch nicht über sein Leben urteilen. Für mich waren folgenden 5 Aussagen jedoch sehr inspirierend und eine Erinnerung daran, dass wir unser Glück nicht in äußeren, kurzweiligen Glücksmomenten suchen, sondern besser auf innere Zufriedenheit bauen sollten. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Aber wir müssen uns aktiv für die innere Zufriedenheit entscheiden und etwaige flüchtige Glücksmomente gelassen betrachten – genauso wie wir gelassen bleiben sollten, wenn diese Glücksmomente sich wieder verflüchtigen und vielleicht sogar in das Gegenteil verkehren...

Also nun zu dem Interview:

Anhaltende Zufriedenheit
vs. kurze Glücksmomente

Auf die Frage hin, was für ihn ein gutes Leben ausmacht – anhaltende Zufriedenheit oder immer wieder kurze Momente großen Glücks – antwortete Jürgens:

„Ich würde sagen, das mit den Glücksmomenten. Mein Bruder ist eher der Typ zufriedenes Leben. Man muss natürlich wissen, das Glück ist ein flüchtiger Vogel. Er setzt sich bisweilen auf deine Schulter und beschenkt dich mit seiner Gegenwart, aber er ist ganz schnell wieder weg. Du musst jeden Glücksmoment mit einem traurigen Moment bezahlen. Man sehnt sich immer nach dieser friedlichen Variante, besonders wenn man älter wird. Aber kaum ist man zufrieden, beginnt einen diese Zufriedenheit zu langweilen. Und dann erinnert man sich an diese Momente ... wie damals, als ich in Peking auf der Bühne stand und chinesische Studenten Schilder hochgehalten haben: "17 Jahr’, blondes Haar", "Udo, we love you".“

Auch wenn die meisten von uns sich nicht an „damals in Peking“ erinnern können, trifft dieses Gedankenmodell doch auf die meisten von uns zu. Wir sind stets auf der Suche nach dem Glück, erhaschen es aber immer nur für einen kurzen Moment. Bald schon sind wir wieder unzufrieden und machen uns erneut auf die Suche: entweder wir hoffen auf die Zukunft, oder schwelgen in Erinnerungen an die Vergangenheit. Wie erfolgreich man im Leben ist, scheint an dieser Lebensweise nichts zu ändern. Mit mehr Erfolg werden nur die Ansprüche größer.

Das Glück, von dem Udo Jürgens redet, ist auf äußere Umstände angewiesen, es entsteht nicht aus innerer Zufriedenheit. Das wäre dann die „friedliche Variante“... Die Langeweile kann jedoch überwunden werden. Wir müssen die Natur unseres Geistes kennenlernen, die hinter seinen Erscheinungen – wie den Gedanken – liegt. Denn dort gibt es keine Langeweile und dort gibt es das unbedingte Glück, das kein Gegenteil hat – also nicht „mit Trauer bezahlt werden muss“.

Sich von den Erscheinungen des Geists abzuwenden und mehr mit seiner Geistesnatur zu identifizieren wird natürlich schwieriger, je länger man sich an die Identifikation mit den Erscheinungen gewöhnt hat. Das soll nicht heissen, dass es je wirklich zu spät dafür wäre – aber wenn man 80 Jahre ist und so viel Zeit seines Lebens mit so viel Aufregung verbracht hat, dann ist's bestimmt nicht einfach, das alles hinter sich zu lassen.

Das Hochgefühl kehrt sich um...

Auf die Frage, in welchen Situationen sich bei ihm das Hochgefühl in Melancholie oder sogar in eine Depression umkehrt, antwortete Jürgens:

„Das sind Situationen, die sich aus dem Alltag ergeben. Wenn die Alltagsprobleme wieder reingeschwemmt werden in die Euphorie. Mit dem nächsten Telefonat ist bereits das erste Problem da, das man nicht gleich lösen kann. Da färbt sich die Stimmung um, sie wird grauer.“

Offensichtlich ist die Euphorie nicht für die Dauer gemacht. Sie ist ein kurzweiliger Zustand, der durch äußere Umstände ausgelöst und ebenso wieder abgeschwächt oder umgekehrt werden kann.

Die Euphorie ist ein Geisteszustand, der sich auf der körperlichen Ebene durch die Ausschüttung von Glückshormonen widerspiegelt. Wir glauben meist, dass dieser Zustand unmittelbar von aussen hervorgerufen wird. Genauer betrachtet, kann man jedoch erkennen, dass dem nicht ist. Dafür sind die Umstände, die Euphorie hervorrufen können, zu vielfältig – das Resultat jedoch zu einheitlich. Wir sind mit der Außenwelt über unsere Sinne verbunden – unser Geist interpretiert die Eindrücke und formt dadurch unsere Gedanken und Emotionen. Da ist es doch offensichtlich, dass eigentlich unser Geist für Euphorie und Glück verantwortlich ist. Selbst bei Drogen wie Ecstasy, LSD und so sind die Menge der Stoffe, die im Gehirn wirken, eigentlich zu gering, als dass Sie wirklich selbst für die Euphorie (und andere Visionen) verantwortlich sein könnten.

Die Fähigkeit, Euphorie zu empfinden, ist also bereits in unserem Geist angelegt. Die äußeren Umstände öffnen oder schließen nur die Pforten, durch die wir Zugang zu diesem Gefühl erhalten. Wir sollten also unseren Geist untersuchen und beobachten wie es sein kann, dass wir von außen so stark beeinflusst werden – dass wir mal high und mal down sind. Und mit einem gut trainierten Geist werden wir einen weniger fluktuierenden Glückszustand erreichen, der nicht von außen erzeugt wurde und somit auch nicht von außen zerstört werden kann.

Euphorie – ein Scheinglück

„Ich glaube, in dieser Zeit der Euphorie war ich auch immer sehr deprimiert, weil es eben ein Scheinglück ist, kein wahres, tiefes, bleibendes Glück. Das hat sich auch in meinem Privatleben geäußert: Ich habe mich als jüngerer Mann wahnsinnig schnell verliebt, aber sehr oft in meinem Leben hat sich auch schnell eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Letztlich ist es vermutlich die zweite Variante, die Zufriedenheit, die im Leben die bedeutendere ist.“

Da eben bringt es Udo Jürgens auf den Punkt. Was soll man da noch dazu sagen?

Lass uns mit unserem Geist arbeiten, damit wir zufriedener werden. Das Wort „Zufriedenheit“ sagt es ja schon: In Frieden sein – mit sich und der Welt, mit allem so wie es ist. Klingt gut für mich.

Erfolg wärmt nicht

Auf die Frage, ob Erfolg wärmt, sagt Udo Jürgens:

„Nein, eindeutig nicht. Wärmen tut es, wenn ein Freund oder eine Freundin anruft, und du spürst aus der Stimme, wir müssen uns wiedersehen. Wenn mein Sohn anruft, wenn meine Tochter anruft, wenn wir gut miteinander kommunizieren: Das ist das, was ich unter dem Bleibenden verstehe. Dafür tue ich immer noch zu wenig. Es kommen jetzt aber Zeiten, in denen ich mich mehr um meine Kinder und Enkelkinder kümmern möchte. Meine Tournee ist keine Abschiedstournee, aber ich möchte mich davon verabschieden, zu sehr ein Produkt zu sein. Ich will, dass die Menschen bei dieser Tournee noch mal den Rausch empfinden, den auch ich empfinde. Das werde ich jetzt mit allem, was mir zur Verfügung steht, ernsthaft zu Ende bringen. Danach habe ich keine so ausgedehnten Tourneen mehr vor, aber ich hoffe doch, dass ich weiterhin Konzerte geben kann. Ich lasse alles auf mich zukommen, auch ob ich noch genug gute Ideen für neue Lieder habe.“

Für mich zeigt auch diese Aussage wieder auf, dass man nicht zu viel Wert auf den beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg legen sollte. Denn im Endeffekt bleibt nicht viel davon über. Tiefere Verbindungen mit anderen Menschen sind wichtiger und „wärmender“. Aber trotzdem ist unsere Gesellschaft sehr stark darauf ausgerichtet, in uns immer wieder das Gefühl hervorzurufen, dass wir erfolgreich sein sollen – dass wir Ruhm und Anerkennung von möglichst vielen Menschen brauchen. Likes auf Facebook von Menschen, die man nicht kennt, geben einem jedoch kein wohlig warmes Gefühl im Bauch. Ein Lächeln von Deinem Kind aber schon.

Aus dieser Aussage von Udo Jürgens sticht für mich noch ein wesentlicher Punkt hervor: Mit 80 Jahren hat er beschlossen, jetzt mehr Zeit mit seinen Kindern und Enkelkindern verbringen zu wollen. Wenig später ist er gestorben. Er hat offenbar etwas zu spät beschlossen, seinen Fokus zu ändern. Und dabei ist er sogar recht alt geworden. Der Tod kann einen jedoch jederzeit einholen. Wir sollten Dinge, die uns wichtig sind – vor allem was die Verbindung mit unseren Nächsten und mit unserem Geist angeht – also nicht aufschieben.

Liebe weitergeben und anderen helfen

Auf die Frage, ob er in seinem Leben genug geliebt hat, antwortete Udo Jürgens:

„Im oberflächlichen Sinne, ja. Im Sinne von wirklich Liebe weitergeben und anderen helfen, da muss ich zugeben: Wahrscheinlich habe ich nicht genug geliebt.“

Lass uns diesen Fehler nicht begehen! Lass uns Liebe weitergeben und anderen helfen. Und lass uns lernen, uns selbst wirklich vollständig zu lieben – so sehr, dass wir nicht auf äußere Bestätigung angewiesen sind. Das wünsche ich mir – auch wenn ich selber es nicht immer so super schaffe...

Genug gesagt. Jetzt wird meditiert. Und geliebt.

Sean.

P.S.: Hier findest du das ganze Interview.

Veröffentlicht am: 4.01.2015