Verschieb's nicht auf morgen!

Vor einer Woche ist ein alter Freund meiner Großmutter gestorben. Ich kannte ihn, seit ich ganz klein war, und verstand mich sehr gut mit ihm. Ich wollte ihn noch einmal besuchen, nachdem es ihm nicht mehr gut ging – er hatte Krebs und ein halbes Jahr zuvor war seine Frau gestorben –, doch irgendwie bin ich in meinem vollgepackten Alltag nicht dazugekommen. Doch jetzt ist es zu spät! Jetzt bleibt mir nur die Phowa Praxis1...

Sich Zeit nehmen...

Er hatte fünf Kinder und war somit nicht alleine. Ob ich nun da war oder nicht, machte für ihn vermutlich keinen großen Unterschied, aber das Ganze hat mich zum Nachdenken gebracht: Darüber, wie wir uns im Alltagstrott oft nicht genügend Zeit für andere Menschen nehmen, Gespräche vertagen und Dinge ungesagt lassen, die wir vielleicht nie nachholen werden können. Im Speziellen betrifft das natürlich alte Menschen, besonders wenn sie im Altersheim leben. Wie meine Großmutter väterlicherseits – ich bin auch bei ihr des seltenen Besuchs schuldig. Ich besuche sie zweimal im Jahr und einmal im Jahr holen wir sie zu uns auf Besuch – das mag im Vergleich zu anderen oft sein, aber ich glaube nicht, dass es oft oft genug ist. Auch hier hängt das wieder damit zusammen, dass ich viel zu tun habe, sich ein Besuch mit meinen Kindern kaum auszahlt, da man dann nicht gut zum Reden kommt und natürlich spielt auch der Gedanke mit, dass ich eigentlich andere Dinge lieber machen würde. Aber das sind nur Ausreden. Ein paar Stunden werde ich mir schon Zeit nehmen können. Wenn ich einmal im Altersheim sein sollte, würde ich mich bestimmt auch auf Besuch freuen...

Der nächste Morgen oder das nächste Leben...

Natürlich betrifft das alte und kranke Menschen ganz besonders, aber eigentlich kann man nie wissen, wie oft man noch Gelegenheit haben wird, Zeit mit jemandem zu verbringen. Morgen könnte man selber oder die andere Person schon tot sein.

Die tibetischen Buddhisten haben dafür ein Sprichwort:

„Der nächste Morgen oder das nächste Leben – was als nächstes kommt, können wir nicht wissen!“2

Das soll uns nicht deprimieren, sondern uns vor Augen halten, wie vergänglich diese Existenz ist und wie ungewiss der Moment unseres Todes ist. Dieser Gedanke hilft uns, unseren Fokus auf das Wesentliche zu richten und wir können leichter...

  • Kraft und Motivation schöpfen, um in jedem Moment voll und ganz da zu sein und unser Leben möglichst wahrhaftig zu leben.
  • Aufhören, unsere wertvolle Zeit „totzuschlagen“ und uns stattdessen den Tätigkeiten widmen, die wirklich wichtig sind.
  • Sehen, dass wir auch die Dinge, die wir ungern machen (aber vielleicht machen müssen), mit voller Aufmerksamkeit machen sollten, anstatt sie halbherzig zu verrichten.
  • Die Zeit, die wir mit anderen Menschen verbringen, genießen und ihnen unsere volle Aufmerksamkeit schenken.
  • Und das höchstes Ziel ist es, zu erkennen, dass es keinen Sinn macht, zu viel Zeit und Energie in Dinge zu stecken, die uns jeden Moment wieder durch die Finger gleiten könnten. Stattdessen können wir in uns Motivation und Beharrlichkeit erwecken und aufrecht erhalten, um auf die innere Entdeckungsreise zu gehen – auf die Suche nach unseren wahren Natur, die auch nach unserem Tod bestehen bleibt.

Sean


  1. Phowa ist eine Meditationspraxis aus dem tibetanischen Buddhismus, die als Vorbereitung für seinen eigenen Tod und auch für Verstorbene praktiziert wird. Hier gibt's eine kurze Video Belehrung von Sogyal Rinpoche zur „Essentiellen Phowa Praxis für den Moment des Todes“ oder den Rigpa Wiki Artikel über Phowa 

  2. Englisches Original: „Tomorrow or the next life—which comes first, we never know.” (Quelle: „Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“ bzw. online auf viewonbuddhism.org

Veröffentlicht am: 17.05.2015