Von Gleichgültigkeit zu Gleichmut

Worte haben eine besondere Kraft, die sich oft erst offenbart, wenn man sich eingehend mit ihrer Bedeutung auseinandersetzt. Mir geht es oft so, dass mir plötzlich der tiefere Sinn eines Wortes klar wird, welches ich mein ganzes Leben ohne genauere Betrachtung verwendet habe. Bei zusammengesetzten Worten reicht es auch oft, sie einfach auseinanderzunehmen und ihre Einzelteile neu zu betrachten. Vor kurzem erging es mir ebenso mit dem Wort Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit: jetzt & ursprünglich

Heutzutage wird Gleichgültigkeit ja gemeinhin als eher negative Charaktereigenschaft angesehen – sie wird mit Apathie und Desinteresse und einer egozentrischen Weltsicht gleichgesetzt. Folgender, kurzer Auszug aus Wikipedia1 erörtert das genauer:

„Ein gleichgültiger Mensch hat keine oder versagt sich eine eigene Meinung, bildet sich kein Urteil, bewertet nichts und unternimmt keine Handlungen, um offensichtlich ungerechte oder unethische Zustände zu ändern. Er zeigt weder positive noch negative Gefühle zu bestimmten Dingen oder Vorkommnissen. Sein Denken ist gewissermaßen egozentrisch, jedoch nicht aus Bosheit, sondern aus Desinteresse und einer gewissen Abgestumpftheit. Vereinfacht ausgedrückt kann man feststellen: Der gleichgültige Mensch bekommt nur wenig mit und bemerkt nur das, was ihn direkt interessiert und persönlich tangiert. Alles andere geht an ihm vorbei.“

Wenn man aber die Einzelteile des Wortes Gleichgültigkeit betrachtet, sieht man, dass der ursprüngliche Sinn gar nicht so negativ gewesen sein kann. Eigentlich sagt es doch nur aus, dass für den Betrachter verschiedene Dinge die gleiche Gültigkeit besitzen. Das hat nichts mit Apathie zu tun, sondern nur mit der grundsätzlichen Einstellung, Gegebenheiten und Ereignisse nicht zu beurteilen. Und siehe da, genau diese ursprüngliche Bedeutung wird auch im besagtem Wikipedia Artikel beschrieben.

Nun wollte ich ursprünglich an dieser Stelle das Wort Gleichgültigkeit verteidigen, ihm seine tiefere Bedeutung zurückgeben und Dich dazu einzuladen die Charaktereigenschaft der Gleichgültigkeit in einem neuen Licht zu betrachten. Aber wozu mit Worten kämpfen, wenn es andere Worte gibt, die genau das Beschreiben was ich meine. Also...

Gleichmut vs. Gleichgültigkeit

Gleichmut wird als „die Fähigkeit, vor allem in schwierigen Situationen die Fassung oder eine unvoreingenommene Haltung zu bewahren“ beschrieben.2

Bei uns im Abendland wird Gleichmut mit Gelassenheit gleichgesetzt. Beide Worte beziehen sich auf den emotionalen Aspekt der inneren Ruhe, wohingegen Besonnenheit sich auf den rationalen Aspekt bezieht. 3

Im Buddhismus hingegen ist Gleichmut (Upekkhā) einer der vier Grenzenlosen Geisteszustände (Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut). Gelassenheit, Nicht-Anhaften, Nicht-Unterscheiden und Loslassen sind Teile von Upekkhā. Und Upekkhā besitzt die heilsame Kraft seinen direkten Feind, die Unruhe und Aufgeregtheit, die durch Gier und Unwillen entsteht, wie auch seinen indirekten Feind, die dem Gleichmut täuschend ähnlich scheinende Geisteshaltung der Gleichgültigkeit zu überwinden. 4

Na bitte: da haben wir's! Gleichgültigkeit ist also „dem Gleichmut täuschend ähnlich“. Die Grundeinstellung der Losgelöstheit und des Nichtwertens ist nämlich in beiden enthalten. Der wesentliche Unterschied ist jedoch, dass Gleichgültigkeit oft auch eine Abgestumpftheit und reduzierte Wahrnehmung bedeutet – eine generelle Ignoranz dessen, was um einen herum passiert –, und somit auch eine eher egozentrische Weltsicht mit sich bringt.

Von Gleichgültigkeit zu Gleichmut

Um Gleichgültigkeit in Gleichmut zu transformieren müssen wir unsere Aufmerksamkeit schärfen, offen für die Welt sein und das „Gleichgelten“ auch auf uns selbst im Vergleich mit anderen Menschen anwenden. Es gelten alle Menschen gleich: Du, wie Dein Gegenüber. Nachdem es Dir vermutlich nicht wurst ist, wie es Dir geht, sollte es Dir auch nicht egal sein, wie es anderen Menschen geht. Kultivieren wir diese Sicht der Dinge, sind wir vor der egozentrischen Sichtweise, die in Gleichgültigkeit beinhaltet ist, geschützt.

Eine weitere, wesentliche Konsequenz des Gleichgelten ist auch dass unsere Zu- und Abneigungen zu Umständen und Ereignissen gleich gelten. Was soll das heissen? Das soll heissen, dass unsere Interpretationen und Beurteilungen eigentlich nicht viel mit den Umständen selbst zu tun haben. Wie Shakespeare schon gesagt hat:

„An sich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es erst dazu.“ 5

Lass uns also unsere Gedanken und Gefühle beobachten und sehen, wie wir auf die Umstände in unserem Leben reagieren. Und lass uns Abstand zu unseren Interpretationen und Meinungen gewinnen und erkennen, dass andere Meinungen ebenso valide sein können... nur mit einem Geist, der alle Dinge gleich gelten lässt, können wir die Welt so sehen, wie sie wahrhaftig ist und inneres Glück, das von äußeren Umständen losgelöst ist, erfahren.

All right. Genug gedacht, genug geschrieben! Zeit für Stille. Nicht-Worte gelten natürlich auch gleich wie Worte. Oder vielleicht noch etwas gleicher?

Nehmen wir uns in Acht, dass wir nicht wie die Schweine in Animal Farm werden...

„Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ 6

Sean


  1. Gleichgültigkeit auf Wikipedia 

  2. Gelassenheit (Gleichmut, innere Ruhe oder Gemütstruhe) auf Wikipedia 

  3. Besonnenheit auf Wikipedia 

  4. Upekkhā auf Wikipedia 

  5. Hamlet Akt 2, Szene 2 

  6. Das siebte Gebot des Animalismus in Animal Farm ist „Alle Tiere sind gleich.“. Doch eines Tages laufen die Schweine plötzlich alle auf zwei Beinen und tragen Kleidung, was den Sieben Geboten des Animalismus zu widersprechen scheint. Und auf der Scheune steht plötzlich nur mehr ein einziges Gebot: „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“Animal Farm von George Orwell auf Wikipedia 

Veröffentlicht am: 19.07.2015