„What a wonderful world“

Vor kurzem hat ein narzisstischer Hase in unserem Garten sein Unwesen getrieben. Er ist einfach so vorbeigekommen und hat zwischen Bäumen und Sträuchern Schokoabbilder seiner selbst versteckt. Unsere Kinder fanden das natürlich wundervoll und sind ganz aufgeregt und happy im Garten rumgelaufen. So richtig super finden kann man das ganze Spiel aber nur, wenn man wirklich an den Hasen glaubt. Die etwas größeren, bereits aufgeklärten Kinder meines Onkels fanden das Ganze schon eher fad…

Dass der Hase nicht echt ist, wissen wir, weil wir selber die Hasenfälschung sind, aber es gibt viele Dinge im Leben, bei denen es nicht ganz so klar ist. Wir, in unserer aufgeklärten Kultur, glauben meist den Tatsachen, wie sie uns von Seiten der Naturwissenschaften gepredigt werden. Dass das alles aber nur Theorien sind, die von dem selbst gewählten Blickwinkel und unseren Gedankenmustern geprägt sind, verlieren wir dabei oft aus den Augen. Diese Theorien eignen sich sehr gut, um unsere Umwelt verständlicher zu machen und sie besser manipulieren zu können, aber indem sie alles Wundersame aus der Welt schaffen, wird unser Erleben abgestumpft.

Alles wird benannt

Wir sind aufgeklärt und kennen alles schon. Die wunderbaren Dinge um uns herum sind benannt und kategorisiert. Wir haben uns bei fast allem bereits entschieden, wie wir dazu stehen, wie relevant es für uns und unser Leben ist:

  • Der Baum ist eine Platane, besteht aus Holz, spendet Schatten im Sommer und wächst zu schnell, weshalb er einmal im Jahr geschnitten werden muss (wie anstrengend!!).
  • Den Namen des Vogels auf dem Baum kenn ich nicht – aber er hat sicher einen Namen und er ist so klein, dass er nicht sonderlich relevant für mein Leben ist. Er zwitschert herum, aber die Wissenschaftler meinen, dass es keine Musik ist, sondern nur der Reproduktion dient – oder so.
  • Der Himmel ist nur ein Phänomen unserer Atmosphäre und ist eigentlich gar nicht blau. Er hat Ozonlöcher drinnen, es fliegen die Flugzeuge durch und die Wolken schweben darin. Und manchmal, wenn die Sonne richtig untergeht, sieht er auch ganz schön aus. Aber eigentlich sieht er auf Bildern und im Kino schöner aus, als in echt…

Diese und zehntausend weitere Gedanken mögen uns durch den Kopf gehen, wenn wir die Objekte unserer Umwelt sehen. Oder aber wir sind zu beschäftigt, um sie überhaupt wahrzunehmen. In jedem Fall verpassen wir das Wunder des Lebens.

Das Wunder

Alles lebt, alles ist im stetigen entstehen und vergehen. Alles hat Form und Energie. Und alles ist einzigartig, auch wenn wir gerne Namen und Kategorien darüber stülpen. Diese Einzigartigkeit können wir aber nur wahrnehmen, wenn wir eine Zeit lang unsere Gedanken loslassen und die Dinge einmal so sehen, wie sie sind – ganz ohne Namen und ohne Funktion. Dafür müssen wir auch uns selbst aus dem Spiel nehmen und die Dinge einfach so sein lassen, wie sie sind – wir sind nur da um das ganze wundersame Schauspiel wahrzunehmen. Auch unseren Körper und unsere Gedanken, die wir normalerweise als „Ich“ bezeichnen, können wir in dieser Weise wahrnehmen. Und wir können so Abstand von unseren Interpretationen und Meinungen nehmen um Platz für Ungewissheit zu schaffen und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Aufgeklärt und doch wundersam!

Ich glaube, wir können den Spagat schaffen zwischen Ratio und Wunder. Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir unseren rationalen Geist verwenden müssen. Wir müssen Dinge kategorisieren, damit wir Probleme lösen und unseren Alltag besser bewältigen können. Zwischendurch sollten wir aber versuchen, unsere Denkmaschine etwas im Zaum zu halten und wieder mit kindlicheren Augen zu sehen.

Aber leider wollen die meisten von uns Erwachsenen die Welt nicht mehr als magischen Ort sehen. Wir wollen alles in erklärt wissen, damit es unser kleiner Geist erfassen kann. Alles was aus unserem abgesteckten, wissenschaftlichen Rahmen herausfällt wird angezweifelt. Ob dieses Zweifeln uns allerdings gut tut, möchte ich in Frage stellen.

Es gibt dazu einen schönen Ausspruch von Buddha:

„Richte Deinen Zweifel auf das Zweifeln selbst aus.“1

Er möchte uns darauf hinweisen, dass wir die Energie, die wir ins Zweifeln und ins unnötige Denken stecken, auch dafür aufwenden können, an die Quelle des Zweifelns zu gelangen. Und um dorthin zu gelangen müssen wir das Zweifeln selbst anzweifeln. Vielleicht würden es uns innerlich gut tun, in einer wundersameren Welt zu leben, in der wir weniger hinterfragen würden und offener wären. Wir können wissenschaftliche Erkenntnis ja trotzdem noch zu unserem Nutzen verwenden, aber zwischenzeitlich in den Wundervoll-Modus umschalten… ;)

Und nächstes Jahr, wenn der narzisstische Hase wieder zu uns kommt, werde ich mich darum bemühen, ihn in der Hecke um die Ecke laufen zu sehen, auch wenn ich selber vielleicht vorher in dieser Hecke gewesen bin…

Sean


  1. Deutsche Übersetzung von mir selbst. Englisches Original: „Turn your doubt onto doubt itself.“ 

Veröffentlicht am: 19.04.2015