Wirklich erwachsen werden

Neulich las ich einen Zeitungsartikel darüber, dass die angehenden Erwachsenen sich heute immer mehr Zeit mit dem Erwachsenwerden lassen. Man hat Angst davor die Ungebundenheit und Freiheit der Jugend zu verlieren und möchte nicht zu viel Verantwortung übernehmen – allen voraus Verantwortung für Kinder. Dieses Verhalten wird oft mit der Romanfigur Peter Pan verglichen. Bei Männern wird es in pathologischen Fällen Peter-Pan-Syndrom genannt, aber dieses Tendenz trifft natürlich auch bei Frauen zu.

Für die Gesellschaft ist es ein Problem, wenn wir spät oder gar keine Kinder bekommen und auch beruflich unser Potential erst spät erreichen. Aber auch für den Einzelnen ist es nicht von Vorteil zu lange in dieser Lebensphase zu verharren, auch wenn das „freie“ Jugendleben sehr reizvoll aussieht. Wenn man nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere Menschen verantwortlich ist – seien es Kinder, andere Angehörige oder Mitarbeiter –, muss man in seinem Lebenswandel konstanter sein, auch wenn einem die verschiedenen Verpflichtungen zwischenzeitlich mal nicht so viel Spaß machen. Diese Beständigkeit wiederum hilft uns reifer zu werden und weiter zu wachsen.

„Er-wachsen“ = Immer weiter wachsen

Das Wort Erwachsen sagt ja schon, dass es darum geht zu wachsen. Auch wenn im Normalgebrauch meist davon ausgegangen wird, dass man nach einer gewissen Zeit des Wachsens (endlich) ankommt und Er-wachsen ist, hören wir eigentlich (und hoffentlich) nie auf zu wachsen. Es gibt einen Zeitpunkt, an dem man ausreichend gewachsen ist um auf eigenen Beinen zu stehen und Entscheidungen für unser weiteres Wachstum, wie auch das Wachstum anderer Menschen (oder Lebensformen wie Firmen, Vereinen und Projekten) Verantwortung zu übernehmen – das ist der Punkt, an dem man sich als erwachsen bezeichnen kann, doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Selbst Erleuchtung ist nichts finales. Erleuchtete Meister sagen, dass sie immer noch mehr lernen und tiefer in den Zustand des Seins eindringen können. Und wenn wir nicht wachsen, dann stagnieren wir, werden weniger bewusst. In der Spirale des Lebens gibt es nur zwei Wege: hinauf oder hinab. Ein Halten des Status-Quo ist leider nicht möglich.

Das bringt mich auch schon zum nächsten Punkt: der Verantwortung für unser inneres Wachstum.

Verantwortung für unser inneres Wachstum übernehmen

Meist werden nur die äußeren Problemen des Nicht-erwachsen-werden-wollens betrachtet, doch in meinen Augen ist innere Verantwortung noch wichtiger als äußere. Wir sollten Verantwortung für unser inneres Wachstum übernehmen, auch wenn das unseren Komfort und unseren Spaß beizeiten etwas reduzieren mag. Und eigentlich können wir uns nur gut um andere Lebewesen kümmern, wenn wir uns auch gut um uns selber kümmern.

Freiheit von äußeren Umständen

Soweit ich es sehe, besteht der erste, wesentliche Schritt darin zu erkennen, dass wir nicht Sklaven äußerer Umstände sind.

Meist schieben wir die Schuld für unser Glück oder Unglück auf die Welt „draussen“ – auf positive oder negative Umstände. Wir trachten stetig danach an den Gegebenheiten etwas zu ändern, sie zu verbessern, damit wir glücklicher werden, doch während wir in unserem Glücksgebäude eine Wand hochziehen, stürzt ein anderer Teil des Hauses wieder ein. Auf diese Weise werden wir leider nie erfolgreich sein, denn Vergänglichkeit ist eine grundlegende Eigenschaft der Welt. Wir sollten also tunlichst daran arbeiten, nicht zu abhängig von äußeren Formen zu sein, denn wie die Form auch aussehen mag – seien es Menschen, Hobbies, Besitztümer, Projekte, der Beruf oder die Berufung –, alle können und werden uns nicht dauerhaft glücklich machen. Wir müssen uns nicht prinzipiell von all diesen Dingen abwenden, sondern sollten uns von ihnen nicht etwas erwarten, was sie nicht erfüllen können.

Wie können wir uns also von dieser Abhängigkeit befreien?

Auch hier ist Meditation (oder ähnliche Übungen) wieder der Schlüssel zum Erfolg. Warum? Weil wir in der Meditation mit unserer inneren Natur, die jenseits von Gedanken (somit auch jenseits der Abhängigkeit von Umständen) liegt, in Kontakt kommen. Und genau hier finden wir die Quelle des Glücks...

Die Quelle des Glücks

Im in der indischen Vedanta Leere1, wird unsere Geistesnatur mit den Worten Sat-Chit-Ananda beschrieben. Es handelt sich hierbei um die drei Qualitäten, die unser Geist an den Tag legt, wenn wir seine Natur erkannt haben und in ihr ohne Ablenkung verharren.

  • Sat ist der Zustand des Seins – die Wahrheit.
  • Chit ist das eine, reine Bewusstsein.
  • Ananda ist die pure, unbedingte Freude und Glückseligkeit. Man könnte auch es auch „göttliche“ Freude nennen.

Und natürlich sagt nicht nur der Vedanta, sondern alle großen Weisheitsleeren, dass Glück eine Grundeigenschaft unseres Geistes ist. Wenn aber unser Geist Glück IST, dann ist es nicht sonderlich sinnvoll das Glück aussen. Der eigentliche Grund, warum wir in äußeren Gegebenheiten Glück erfahren ist immer nur, dass wir durch sie Momente der Einheit und der geistigen Stille erfahren, in denen wir für das innere Glück durchlässig sind. Doch in unserer Verblendung glauben wir immer, dass es die äußeren Umstände waren, die uns glücklich gemacht haben. Um das innere Glück dauerhaft zu erfahren, müssen wir allerdings einiges an Gerümpel wegräumen – das ist die Arbeit der Meditation.

Wenn wir innen in Ruhe verharren, können wir auch äußere Aktivitäten fokussierter angehen und gleichzeitig mehr Glück in ihnen erfahren. Wir werden aber auch erkennen, dass es viele Aktivitäten gibt, die auf Dauer für unser Glück nicht zuträglich sind. Es handelt sich hierbei um Entertainment, Konsum oder Aktivitäten die unseren Geist aufwühlen. Diese äußeren Einflüsse mögen zu einer kurzzeitigen Reduktion unserer Geistestätigkeit beitragen und uns somit für einen flüchtigen Moment glücklicher machen – auf Dauer helfen sie uns jedoch nicht, sondern machen uns nur süchtig. Dies zu erkennen und die Konsequenz zu akzeptieren, dass wir im Namen unserer geistigen Gesundheit solche Aktivitäten reduzieren müssen, heisst innerlich Erwachsen zu werden...

Sean


  1. Vedanta ist eine indische nicht-dualistische Weisheitsleere, die auch im Yoga eine sehr wesentliche Bedeutung hat. (Vedanta auf Wikipedia

Veröffentlicht am: 9.08.2015