Natürlich meditieren

Vor wenigen Tagen redete ich mit einem Freund über Meditation, während wir den Sonnenstein (ein kleiner Berg beim Traunsee) bestiegen. Wenn man in der Natur ist und seinen Körper bewegt, ist man ohnehin schon näher am meditativen Zustand dran, was sowohl die Erklärung, als auch das Verstehen vereinfacht.

Ich möchte dich nun einladen mit mir innerlich mit auf den Berg zu gehen und dabei meinen Worten zu lauschen. Stelle dir also vor, wie du einen Schritt nach dem anderen machst und dabei die Lebendigkeit in deinen Beinen und den weichen Waldboden unter deinen Füßen spürst. Eine leichte Brise streichelt deine Haut und du hörst das Rascheln der Blätter. Der saftige Waldduft strömt in deine Nase. Dein Herz schlägt etwas schneller, dein Atem ist aktiviert – all deine Sinne sind geschärft. Du spürst wie dein Körper in Kontakt mit der Natur ist und dabei deine Gedanken von selber zur Ruhe kommen. Es mag immer mal wieder ein Gedanke auftauchen, die Natur um dich herum bringt dich aber immer wieder zurück in den Moment. Der Gesang eines Vogels, das Plätschern des Baches, der Anblick eines moßüberwachsenen Felsens – diese lebendigen Wunderwerke können dich immer wieder Einladen, ganz präsent im Hier und Jetzt zu sein.

Fast jeder kann die beruhigende Wirkung der Natur wertschätzen. Doch es ist in Wirklichkeit nichts Äußeres, was dich zur inneren Ruhe bringt. Der Kontakt deines Körpers mit der Natur ist lediglich eine Erinnerung, ein Einschwingen auf deinen natürlichen Geisteszustand.

Kein Üben

Der Zustand der Meditation kann nicht durch Übungen „hergestellt“ werden, sondern taucht ganz natürlich auf, sobald wir innerlich anhalten und vollständig loslassen. Die innere Stille wird eigentlich nie gestört, nur nehmen wir sie meist nicht war, weil wir uns so sehr auf unsere Gedanken, die Sinneswahrnehmungen, den Körper und die Gefühle konzentrieren. Wir halten an diesen äußeren Erfahrungen fest, suchen darin verzweifelt nach Stabilität und Identität und verpassen dadurch das Wunder des jetzigen Moments. Doch die äußeren Erfahrungen sind eigentlich gar kein Problem. Wir müssen nichts an der Welt ändern. Problematisch ist nur unsere Tendenz alles zu bewerten, alles in gut oder schlecht einzuordnen. Wir wollen das eine haben und das andere meiden. Wenn wir anstatt zu bewerten alles so annehmen, wie es ist, dann tritt der innere Frieden von selbst hervor, ganz egal wie turbulent es außen aussehen mag. Diese Sichtweise wird in der „Inschrift vom Vertrauen in den Geist“1, einem alten chinesischen Zen-Gedicht, wundervoll beschrieben:

„Der höchste Weg ist einfach,  
für jene die keine Vorlieben haben.
Nur ohne Abneigung und ohne Vorliebe
verstehst du wirklich die klare Leere.
...
Aufgrund von Annehmen und Ablehnen
sehen wir die wahre Natur der Dinge nicht.“

Die grundlegende Anleitung zur Meditation ist einfach: Tue nichts, halte an. Beobachte alles was auftaucht und erlebe es ganz ohne Abneigung und Vorliebe. Stoße nichts weg, halte nichts fest. Sei hellwach, aufmerksam und bewusst.

Es ist gut sich immer wieder der Stille zu widmen, der inneren Wahrnehmung Zeit und Raum zu geben. Auf diese Weise zu sitzen und nichts zu tun wird oft Meditation genannt. Im tibetischen Buddhismus wird Meditation (Shamatha) auch als ein „sich daran Gewöhnen“ bezeichnet. Man gewöhnt sich in der Meditationspraxis daran im unveränderten, natürlichen Geisteszustand zu verharren.

Du magst dich jetzt fragen: Wenn das mein natürlicher Geisteszustand sein soll, wieso erlebe ich ihn dann nicht? Wieso plagen mich meine Gedanken und Gefühle? Das liegt daran, dass wir die Gewohnheit haben, alles zu bewerten und durch unsere Präferenz für sogenannte „positive“ Erlebnisse und unser Ablehnen von sogenannten „negativen“ Zuständen unentwegt gegen den Moment, so wie er jetzt ist, ankämpfen. Selten sind wir mit der inneren und äußeren Situation, in der wir uns befinden, bedingungslos zufrieden.

Um Meditation wahrhaftig erleben zu können, müssen wir also immer wieder die Intention in uns wachrufen, anzuhalten und loszulassen. Man kann dann erleben, dass der jetzige Moment einfach wundervoll ist und das man gut vom Leben umsorgt wird. Man muss nicht gegen das Leben ankämpfen, sondern kann immer mehr loslassen, immer tiefer in diesen Zustand eintauchen. Dabei werden alle möglichen, bis dahin verborgenen, Gefühle und Gedanken auftauchen, die man eigentlich nicht so gerne sehen möchte. Es wird in der Meditation also nicht immer nur ruhiger im Kopf und im Herzen. Doch wenn man auch wenn es „brenzlig wird“ im Zustand der Hingabe und des Erlaubens bleibt, wird man noch tiefere Stille und Frieden erfahren.

Die meisten gängigen Meditationstechniken verwenden ein äußeres Objekt (wie etwa den Atem oder ein Mantra), auf das man sich konzentrieren soll. Durch diese Konzentration wird der Geist fokussiert und scheinbar ein klein wenig ruhiger. Doch das sind lediglich Konzentrationsübungen, mit wahrhaftiger Meditation hat das nicht viel zu tun. Denn durch Aktivität und Techniken kommst nicht in Kontakt mit dem wahrhaftigen Frieden der dir von Geburt an zusteht, sondern schaffst dir damit bloß einen Scheinfrieden, der von den emotionalen Turbulenzen des Lebens leicht wieder gestört werden kann. Um mit der tiefen, wahrhaftigen Stille in Kontakt zu kommen und zu bleiben, musst du voll in das innere Leben eintauchen, anstatt davor wegzulaufen. Dieses Eintauchen musst du allerdings gar nicht tun, sondern nur einladen und zulassen. Du überlässt dich einfach dem Leben und lässt alles geschehen. Du tust nichts, das Leben tut. Du kannst dich dabei zurücklehnen, beobachten, erleben und einfach genießen.

Ich schlage dir vor, wie folgt vorzugehen, um ganz natürlich und einfach zu meditieren:

Setze dich bequem hin.

Sitzen ist besser als Liegen, da wir unseren Körper jahrelang darauf trainiert haben im Liegen einzuschlafen. Ein aufrechter Rücken ist hilfreich, weil du dabei freier atmen kannst und weil dein Herz mehr geöffnet ist. Doch es ist am wichtigsten, dass du bequem sitzt. Du musst also nicht mit überkreuzten Beinen am Boden sitzen. Auf einem Sessel oder der Couch zu sitzen und sich anzulehnen ist voll okay. Lege deine Hände bequem auf deine Oberschenkel, Knie oder in deinen Schoß. Das wesentliche an der Körperhaltung ist, dass du den Körper ganz vergessen kannst. Du überlässt den Körper sich selbst.

Einfach atmen.

Atme Anfangs ein paar Mal tief ein und aus. Vielleicht möchtest du beim Ausatmen seufzen um Anspannungen loszulassen. Übergib dann deinem Körper die Aufgabe des Atmens. Wenn du deinen Kiefer locker lässt, den Mund etwas öffnest und durch den Mund atmest, kann dein Körper noch mehr entspannen und den Atem besser selber regulieren. Je nachdem welche Gefühle auftauchen, könnte der Atem dann schneller oder langsamer werden. Alles ist okay, solange du es nicht erzwingst.

Schließe deine Augen.

Es ist hilfreich die Augen zu schließen, damit sich deine Aufmerksamkeit mehr nach innen richtet. Wenn dein Körper jedoch die Augen öffnen will, ist das auch okay. Manchmal, wenn man schläfrig wird, kann es hilfreich sein, die Augen einen Spalt zu öffnen.

Halte innerlich an, tue nichts.

Du kannst dir selber sagen, dass es okay ist während der Zeit der Meditation nichts zu tun. Die Welt wird sich weiter drehen, es wird nichts weiter Schreckliches passieren, wenn du mal ein paar Minuten nichts tust und nicht für die Welt verfügbar bist. Das heisst du musst das Handy nicht abheben (am besten auf Flugmodus schalten!), du musst nicht aufstehen, wenn während der Meditation plötzlich Gedanken auftauchen, dass du jetzt etwas ganz dringend erledigen müsstest. Du musst auch nicht aufstehen, wenn du innerlich unruhig wirst, sondern kannst auch diese Unruhe einfach wahrnehmen, ohne ihr auszuweichen oder sie zu verdrängen.

Beobachte alles mit Neugierde.

Schau dir an, was innerlich auftaucht, wenn du mal nichts tust. Sieh deine Gedanken, beobachte deine Sinneswahrnehmungen, spüre deinen Körper, fühle deine Gefühle und vielleicht kannst du auch tiefere Wahrnehmungen wie Stille, Frieden und Liebe erfahren. Was auch immer in deinem Bewusstsein auftaucht, worauf deine Wahrnehmung sich auch fokussiert, lass es alles so sein, wie es ist. Du musst nichts damit tun. Du stößt es nicht weg, du hältst nicht daran fest und du brauchst nichts innerlich kommentieren und beurteilen. Alles ist okay, genauso wie es ist und könnte in diesem Moment auch gar nicht anders sein.

Du bist Stille.

Wenn du Unruhe wahrnimmst ist, dann lass Unruhe da sein. Wenn da viele Gedanken sind, dann lass die Gedanken da sein. Wenn du den Gedanken keine weitere Energie gibst, ihnen nicht „nachläufst“, dann werden sie von selber ruhiger werden. „Unterhalb“ aller Wahrnehmungen ist unendlich viel Stille. Vielleicht kannst du diese Stille wahrnehmen, auch wenn es in dir turbulent ist – wenn da viele Gefühle sind, wenn es in deinem Körper zwickt und zwackt oder wenn dich dein Kopf nicht in Frieden lässt. Die Erfahrung zeigt, dass die Gedankenmühle durch Meditation langsamer wird, dass die Abstände zwischen den Gedanken länger werden, dass man mit der Stille und reinen Präsenz in Kontakt kommt. Doch setze das nicht als Bedingung voraus, gehe nicht in die Meditation mit der Einstellung, dass du nachher ruhiger sein musst. Natürlich haben wir die Hoffnung und die Erwartung, dass wir im Endeffekt innerlich friedlicher werden. Wenn dem nicht so währe, würden wir das ganze Unterfangen wohl gar nicht angehen. Doch unterscheide zwischen dem mittelfristigen Ziel und der unmittelbaren Erfahrung. Mittelfristig wirst du bestimmt mehr inneren Frieden erfahren, daran gibt es keinen Zweifel. Unmittelbar kann es aber auch ganz schön turbulent werden. Oft gibt es Anfangs sogar eine scheinbare „Verschlechterung“, wenn du zum ersten Mal deine Gedanken und Gefühle wahrnimmst, ohne dich abzulenken. Bleibe also offen für das, was jetzt gerade ist. Wenn es Unruhe ist, dann ist es Unruhe. Wenn es Frieden ist, dann ist es Frieden. Du kannst dich glücklich schätzen, wenn du in der Meditation den Raum halten kannst um sogenannte „negative“ Gefühle und Gedanken hochkommen zu lassen. Wenn du diesen Erfahrungen Raum gibst, wirst du dich mit verdrängten Anteile deiner Selbst versöhnen und einiges an Energie frei setzen. Und wenn dann Frieden auftaucht, ist es wahrhaftiger Frieden, nicht eine neue Form der inneren Unterdrückung.

Die Gedanken

Deine Gedanken sind kein Feind in der Meditation, sondern bloß Energie, die in deinem Kopf herumwirbelt. Im normalen Alltag können Gedanken sehr hilfreich sein. Sie helfen dir Dinge zu planen und zu erledigen. Gedanken sind gut für's Tun. In der Meditation jedoch sind sie irrelevant, denn es geht ja ausnahmsweise mal nicht darum irgendetwas zu tun. Lass sie also einfach sein. Gedanken tauchen wie Wellen auf und tauchen dann wieder ab. Sie ziehen wie Wolken vorüber, verdecken dabei vorübergehend die Sicht auf den blauen Himmel, doch der Himmel ist nicht verschwunden. Der innere Raum und Frieden sind immer da. Mit Gedanken brauchst du nichts zu tun, gehe ihnen nicht nach, lass sie einfach sein. Und wenn Gedanken besonders hartnäckig sind, dann ist es hilfreich sich zu fragen: „Welches Gefühl könnte hinter diesem Gedanken stecken? Was tut sich in mir, dass zu diesem Gedanken führt?“

Die Sinneswahrnehmungen

Mit den Sinneswahrnehmungen gehst du ähnlich um, wie mit den Gedanken. Lass sie einfach so sein, wie sie sind. Wenn deine Aufmerksamkeit kurz zu einem Geräusch wandert, dann ist das okay. Wenn ein Geruch in deine Nase steigt und dein Fokus von selbst darauf gerichtet wird, dann ist dem so. Daran ist nichts auszurichten. Aber du brauchst dich nicht besonders darauf konzentrieren. Und vor allem brauchst du dir keine Gedanken darüber machen. Und vielleicht kannst du auch erleben, dass es zwei Arten gibt, wie wir uns unserer Sinneswahrnehmungen (vor allem Sehen und Hören) bewusst sind. Entweder deine Aufmerksamkeit fokussiert sich auf eine einzelne Wahrnehmung, ein Geräusch oder ein Ausschnitt deiner visuellen Umgebung. In diesem Fall wird deine gesehene bzw. gehörte Umgebung quasi unterteilt. Es ist eine aktive Art der Wahrnehmung, die den Gedanken vorgelagert ist - es ist der erste Schritt dahin etwas zu interpretieren, in gut oder schlecht einzuordnen um dann darauf zu reagieren. Die andere Art zu hören oder zu sehen ist „weit“. Das heisst du nimmst das ganze Feld war, ohne dich auf ein Objekt besonders zu fokussieren. Es ist eine offene, liebende Art der Wahrnehmung, die alles annimmt, so wie es ist, ohne daran etwas ändern zu wollen.

Der Atem

Den Atem wahrzunehmen kann vor allem am Anfang der Meditation helfen, ganz im Körper und im Jetzt anzukommen. Aber verändere den Atem nicht und konzentriere dich nicht zu lange auf ihn. Wenn deine Aufmerksamkeit zum Atem gezogen wird, dann achte mehr auf die Ausatmung und lade deinen Körper ein, sich mit jedem Mal ausatmen mehr und noch mehr zu entspannen.

Dein Körper

Dein Körper ist ein wertvoller Anker in der Meditation. Wenn es irgendwo im Körper unangenehm ist, wenn da vielleicht ein Schmerz ist, dann kannst du beobachten, wie du festhältst. Vielleicht steckt da ein Gefühl dahinter? Den „inneren Körper“, das lebendige Strömen der Energie, zu spüren kann dir helfen deine Aufmerksamkeit von den Gedanken „hinunter“ sinken zu lassen. Und deine Gefühle spiegeln sich im Körper wieder. Eine Wut kannst du im Bauch spüren. Bei Traurigkeit verzieht sich vielleicht dein Gesicht und es tauchen Tränen auf. Bei Angst spannt vielleicht sich dein Körper an. Bei Freude fühlst du eine vielleicht eine innere heitere Lebendigkeit. Und Liebe kannst du in deinem Herzen spüren. Spüre also in deinen Körper hinein, sei offen, halte nichts fest. Erlaube es deinem Körper sich immer mehr zu entspannen und sollte eine Anspannungen überbleiben, forsche nach, was dahinter steckt. Ist dein Körper vielleicht an dieser Stelle angespannt, um ein Gefühl nicht fühlen zu müssen?

Das Fühlen

Das Fühlen ist der beste Weg zur Stille. Die Emotionen sind unser innerer Motor – sie setzen uns, wie der Name schon sagt, in Bewegung. Evolutionär gesehen, war diese Bewegung ursprünglich rein körperlich, doch durch die Entwicklung unseres Gehirns und vor allem durch die Entwicklung der Sprache, haben wir gelernt die Gefühle in Gedankenbewegung zu lenken. Wie schon gesagt, kann diese Bewegung sehr hilfreich sein, um in der Welt aktiv zu sein und das Überleben des Körpers zu sichern. Doch unser Gedankenapparat hat sich verselbständigt und 99% der Zeit nehmen wir die Gefühle, die zu unseren Gedanken führen schon gar nicht mehr war. Das spannende ist, dass die Energie der Gefühle in beide Richtungen wirken kann. Sie kann uns „nach oben“ in den Kopf ziehen und Gedanken erzeugen oder sie kann uns „nach unten“ in den Körper und durch den Körper hindurch in unsere innere Tiefe ziehen, wo wir Stille, Frieden und Liebe sind. Den Weg „nach oben“ sind wir gewohnt. Wir tun das den ganzen Tag. Doch den Weg „nach unten“ haben wir scheinbar verlernt, auch wenn er eigentlich viel natürlicher ist. Denn um aus Gefühlen Gedanken zu machen, bedarf es einer gewissen Anspannung, einer gewissen Aktivität, doch um Gefühle verbrennen zu lassen und so die darin liegende Energie freizusetzen, braucht man eigentlich gar nichts tun. Du musst lediglich anhalten und die Gefühle fühlen, ihnen Raum geben um sich voll auszufalten. Wenn sie freigelassen werden, vergehen sie nachher ganz von selber – wir sagen sie „verbrennen“ und setzen ihre Energie frei. Es ist fast wie ein alchemistischer Vorgang. Wir transformieren Gefühle in pure Energie, in pure Präsenz. Der Schlüssel hierfür ist, dass du das Gefühl vollkommen fühlst, der Geschichte rund um das Gefühl aber keinen Raum gibst – dich also nicht in Gedanken „flüchtest“. In vielen klassischen Meditationstechniken wird der „Beobachter“ kultiviert, das heisst es wird alles aus einem Abstand her beobachtet. Wenn du Gefühle jedoch nur beobachtest, werden sie sich nie vollkommen zeigen und du wirst die transformative Kraft der Gefühle verpassen. Wenn du dich aber voll mit den Gefühlen identifizierst und den Gedanken glauben schenkst, die mit den Gefühlen auftauchen mögen, dann bist du im Drama gefangen und vergeudest wieder einmal die Energie der Gefühle. Es geht wie immer darum, die goldene Mitte zu finden. Die Gefühle mit ein wenig Abstand zu beobachten und gleichzeitig vollkommen eins mit ihnen zu sein, sie vollkommen zu fühlen. Also voll im Gefühl zu sein, dich aber nicht mit dem Gefühl zu identifizieren. Es könnte auch hilfreich sein, dich daran zu erinnern, dass Gefühle an und für sich nichts persönliches sind. Es sind nicht „deine“ Gefühle, sondern einfach nur Gefühle. Es ist ein menschliches Phänomen, nicht mehr, nicht weniger. Du kannst das Schauspiel, das Feuerwerk genießen, ohne daran festzuhalten oder es weghaben zu wollen. Gefühle kommen und Gefühle gehen wieder. Das ist ihre Natur. Und das geht meist recht schnell. Gefühle bleiben in der Regel nie länger als ein, zwei Minuten bestehen. Nur wenn du es erlaubst, dass die Gefühle zu Gedanken führen, werden sie verlängert. Ein Gefühl produziert einen Gedanken, der wiederum das Gefühl verstärkt, oder ein neues Gefühl erzeugt und dann kommt wieder ein Gedanke. So läuft das. Es ist ein Kreislauf, der ewig weiterlaufen kann. Und das braucht ganz viel Energie. Die meisten Meditationstechniken, versuchen diesen Kreislauf bei den Gedanken zu unterbrechen. Doch das geht nicht so gut. Der beste Platz um ihn zu durchtrennen ist beim Gefühl. Fühle das Gefühl vollständig. Fühle es „aus“. Lass es „verbrennen“, dann wird sich die Stille, die du bist, von selber zeigen.

Die tieferen Wahrnehmungen

Unter den Gefühlen kannst du tiefere Wahrnehmungen entdecken – sie sind quasi die Belohnung dafür, dass wir durch unsere solche emotionalen Turbulenzen gehen. Es handelt sich dabei um Stille und weiten Raum, bewusste Präsenz und Liebe bzw. Glückseligkeit. Diese Wahrnehmungen sind eigentlich immer da, nur bemerken wir sie nicht, weil Gedanken, Sinneswahrnehmungen und Gefühle sich in den Vordergrund drängen. Das ist auch okay so. Denn scheinbar will da etwas wahrgenommen werden. Und sobald du die jeweilige Erscheinung gesehen und vollkommen erlaubt hast, kann sie wieder versinken und es bleibt nur innere Stille übrig. Halte aber nicht an der Stille, an dem inneren Frieden fest. Wenn ein Gefühl auftaucht, dann wende dich wieder dem Gefühl zu. Nutze die Gelegenheit um erneut Energie in dir freizusetzen. Wenn du das Gefühl „ausgefühlt“ hast, wirst du innerlich leichter und die Stille die übrig bleibt wird noch tiefer sein.

Es geht nach innen und nach unten.

Wenn du auf diese Weise meditierst kannst du vielleicht beobachten, wie deine Aufmerksamkeit immer weiter nach innen wandert und äußere Wahrnehmungen in den Hintergrund rücken. Vielleicht wird dein Atem ganz ruhig und so langsam, dass es bei Zeiten wirkt, als würde dein Körper gar nicht mehr atmen wollen. Dabei kannst du auch einen scheinbaren Druck auf deiner Brust spüren. Das ist kein Grund zur Besorgnis. Du kannst dir sicher sein, dass dein Körper ausreichend atmet. Und vielleicht merkst du auch, wie dein Körper generell lockerer und mit der Zeit scheinbar durchlässiger wird. Es können verschiedene veränderte Körperwahrnehmungen auftauchen. Vielleicht fühlt sich dein Körper zeitweise „dichter“ an als sonst und vielleicht wird dein Körper dann irgendwann scheinbar lockerer und größer. Es kann soweit kommen, dass sich dein Körper aufzulösen scheint. All das ist okay. Schenke dem keine weitere Beachtung. Es sind nur veränderte Wahrnehmungen.

Vielleicht kannst du auch wahrnehmen, dass es dich innerlich nach unten zieht oder dass du „fällst“. Das ist ein sehr gutes Zeichen – lass es geschehen. Dieses Fallen kann zunehmen und auch wieder zum Stillstand kommen. Wenn das Fallen anhält, dann ist es ein guter Moment ganz aufmerksam zu sein, ob da wieder ein Gefühl ist, dass gefühlt werden will. Nur wenn du alles zulässt, so wie es ist, wenn du alles geschehen lässt, wird sich deine Wahrnehmung vertiefen. Dann kannst du immer tiefer und tiefer fallen, bis du ganz bei dir ankommst.

Natürliche Meditation

Im Grunde brauchst du dir nur folgendes merken, um spontan zu meditieren: Halte an und lass los. Alle weiteren „Anweisungen“ sind eigentlich nur Konsequenzen dieses Anhaltens. Wenn du vollständig innerlich anhältst, wird deine Aufmerksamkeit von selber von den Gedanken weg gehen, denn Gedanken sind nicht wichtig, wenn man nichts tut. Deine Aufmerksamkeit wird dann von selber dorthin wandern, wo sie gebraucht wird. Zunächst mag das Licht deines Bewusstseins auf deinen Körper scheinen. Das kann gut sein, um dem Körper Raum zu geben mehr loszulassen. Wenn du ganz offen bleibst und alles zulässt, wird deine Aufmerksamkeit nicht beim Körper hängen bleiben, sondern ganz natürlich zu deinen Gefühlen wandern. Wenn du an Gefühlen nicht festhältst und sie nicht weg haben willst, dann wird das Fühlen vollständig geschehen - du brauchst nicht's dazu beitragen. Und dann kann natürliche Stille und spontaner Frieden auftauchen. Dein Bewusstsein kann von Gedanken unbekümmert erstrahlen. Und wenn dein Körper gelöst ist, wirst du auch Glückseligkeit und vielleicht Liebe wahrnehmen. Und wenn du ganz, ganz tief eintauchst, wirst du bemerken, dass du diese Qualitäten eigentlich nicht von aussen wahrnimmst, sondern dass du diese Qualitäten selber bist.

Du bist friedvolle Stille, strahlendes Bewusstsein und glückliche Liebe. Oder anders gesagt: stilles Bewusstsein beleuchtet die Liebe, die du immer schon bist.


  1. Xinxin Ming, Verfasst vermutlich v. Sengcan dritter Patriarch des Chan in China, ca. 600 n. Chr. Englische Übersetzung / Deutsche Übersetzung / Wikipedia Artikel 

Veröffentlicht am: 8.09.2018